Erstellt am 01. September 2014, 01:02

von Gila Wohlmann und Eva Hinterer

Tierquälern auf der Spur. Reinhard Kaun ist Sachverständiger, wenn es um Tierverletzungen geht. Denn Sadismus fängt oft bei Tieren an.

Veterinärmediziner Reinhard Kaun sieht bei verletzten Tieren sehr genau hin. Fotos: APA, Burkart  |  NOEN, APA, Burkart

Ausflugsziel Lainzer Tiergarten im Westen Wiens: Am helllichten Tag bewerfen vier Jugendliche (13 und 14 Jahre) Wildschweine mit Steinen. Einer stranguliert einen Frischling so lange mit einem Seil, bis er verendet. Entsetzte Tiergartenbesucher werden Zeugen dieser Grausamkeit.

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Oberösterreich: Jugendliche schießen mit einer Armbrust auf Pferde. Ein Tier wird schwer verletzt (Bild links).

„Tierquälerei ist allgegenwärtig, auch wenn sich nicht jeder Vorfall als eine gezielte Tat erweist“, weiß der Retzer Tierarzt Reinhard Kaun, Lektor an der veterinärmedizinischen Universität Wien. Er führt ein Sachverständigenbüro für klinische und forensische Veterinärmedizin und wird zu solchen Delikten als Experte geholt.

Begriff der Tierquälerei muss man unterteilen

2013 wurden allein in NÖ 236 Tierquälerei-Delikte angezeigt, 97 davon geklärt, 2012 waren es 197 Anzeigen und 96 geklärte Fälle. Die Arbeit wird für Kaun nicht weniger. Als Leiter des Arbeitskreises für forensische Tiermedizin beschäftigt er sich mit dem Akt und den Folgen des Angriffs gegen ein Tier.

Der Begriff der Tierquälerei muss, so Kaun, unterteilt werden. „Unter ,passive Tierquälerei‘, fällt etwa Vernachlässigung von Tieren. Unter ,aktiver Tierquälerei‘ versteht man das bewusste Zufügen von Leid oder Herbeiführen des Todes eines Tieres.“

Was ihm wichtig ist hervorzuheben: „Viele Wunden erweisen sich als selbst oder von Artgenossen zugefügt; gerade bei Pferden kann es zu Weide- oder Stallverletzungen kommen. Man muss mit Urteilen wie ,hier war ein Pferderipper am Werk‘ vorsichtig sein!“

„Der Angriff gegen Leib und Leben eines Individuums kann nie nur Lausbüberei sein. Keiner darf ein Tier quälen oder ungerechtfertigt töten!“
Reinhard Kaun, Sachverständiger für forensische Veterinärmedizin

Er arbeitet mit dem Bundeskriminalamt (BK) zusammen. Hier beschäftigen sich Spezialisten des Referates „Umwelt“ auch mit Pferdeverletzungen durch unbekannte Täter. „Wir haben aber festgestellt, dass die Verletzungen nur in wenigsten Fällen tatsächlich durch Menschen verursacht wurden“, sagt BK-Sprecher Mario Hejl.

Dennoch. Fakt ist: Sadistisch veranlagte Täter gibt es immer wieder. So erinnert sich Kaun an einen tragischen Fall, wo ein Mann einem Pferd absichtlich die Beine zertrümmert hatte, um sich dann an der wehrlosen Stute sexuell zu vergehen.

Doch was lässt den Menschen zur Bestie werden? Die Gründe sind für Kaun mannigfaltig: „Das reicht von ,erkundender Neugier‘ im Kindesalter über den Tierquäler als Folge häuslicher Gewalt bis hin zum sexuell motivierten Täter.“ Er betont: „Der Angriff gegen Leib und Leben eines anderen Individuums kann nie nur Lausbüberei sein. Keiner darf ein Tier quälen oder ungerechtfertigt töten!“

Statt Tier wird Mensch irgendwann Opfer 

Kauns Expertise ist aber auch gefragt, wenn Tiere Menschen Verletzungen zufügen, sei es nun ein Hunde- oder Pferdebiss. Er erörtert dann, warum das Tier so agiert hat. Sein Appell an die Bevölkerung: „Verdachtsfälle anzeigen. Nur wenn etwas nach dem Strafgesetz verfolgt wird, haben wir als Sachverständige die Chance zu agieren und Fälle aufzudecken, aber auch Panikmache zu relativieren, wenn keine Tierquälerei vorliegt.“

Kaun ist überzeugt: „Wer die Hemmschwelle, einem Tier Leid zuzufügen, verloren hat, wird sich nicht scheuen, seine Taten an Menschen auszuüben.“