Ein Riss durch Familien (und wie man ihn kittet)

Die Themen Corona und Impfung teilen nicht nur die Gesellschaft in zwei Lager, sondern auch Familien, Freunde und Lebenspartner. Was Betroffene tun können und wer Unterstützung anbietet.

Erstellt am 01. Dezember 2021 | 05:40
Lesezeit: 3 Min
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3.500 Menschen haben am 27. November an einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in St. Pölten teilgenommen. Die Debatten um Impfpflicht und Lockdowns reißen auch Familien auseinander.
Foto: NÖN/Steiner

Zu Beginn der Pandemie konnte der 25-jährige Thomas noch offen mit seiner Familie sprechen, doch mit der Zeit wurden die Diskussionen mit Mutter, Bruder und Stiefvater immer emotionaler. Mittlerweile sind Corona und Impfung ein rotes Tuch bei den seltenen Gesprächen. Die Besuche sind sporadischer geworden. Keiner kann die Position des anderen verstehen. Es ist, als würde ein Riss durch die Familie gehen: Auf der einen Seite Thomas, der gegen Covid19 geimpft ist, auf der anderen der Rest der Familie, der die Corona-Maßnahmen ablehnt. Glücklich ist niemand mit der Situation.

Was in der Gesellschaft vor allem mit der bevorstehenden Impfpflicht als zunehmende Spaltung empfunden wird, ist in vielen Familien und Freundeskreisen längst passiert. Die NÖN haben mit Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus, und dem Sozialpsychologen Andreas Olbrich-Baumann über Gründe und Lösungen gesprochen.

Wichtig sei zu verstehen, woher die extremen Positionen kommen, sagt Olbrich-Baumann: „Wenn Menschen Angst haben, dann legen sie sich ein System zurecht, das sie davor schützt und ihnen das Gefühl von Kontrolle zurückgibt. Dazu zählen einfache Weltbilder wie etwa Verschwörungstheorien.“ Gerade wenn es um letztere geht, ist die Beratungsstelle Extremismus die richtige Anlaufstelle. Aber es muss noch längst nicht um Verschwörungstheorien gehen um bei der Beratungsstelle um Rat fragen zu können. 

Seit Pandemiebeginn wenden sich zu diesem Thema vermehrt Menschen an Verena Fabris und ihre Kollegen. „Für uns ist das eine neue Situation“, sagt Fabris. Denn: „Wenn es um Rechtsextremismus oder Islamismus geht, rufen oft Eltern wegen ihrer Kinder an. Jetzt melden sich meistens erwachsene Kinder, die sich um die Eltern sorgen.“

Emotionen statt Inhalte diskutieren

Die Gründe für die Anrufe sind sehr ähnlich, so Fabris: „Meistens wissen die Personen nicht mehr, wie sie weiter Kontakt halten können, wie sie mit der Situation umgehen sollen, oder sie melden sich, weil im Zusammenhang mit Corona antisemitische oder rechtsextreme Aussagen gefallen sind und für sie damit eine Grenze überschritten ist.“

Aber wie kommt man aus dieser oft verfahrenen und emotional belastenden Situation wieder heraus? „Es ist immer ein mühsamer und langer Weg“, sagt Fabris. „Wir raten, vor allem am Anfang nicht zu viel über Inhaltliches zu diskutieren, sondern über die Gefühle und Ängste zu reden, die dahinter stehen.“

Auch wenn es schwerfällt, sollte man dem anderen erst einmal lange zuhören, sagt Sozialpsychologe Olbrich-Baumann. Wenn sich das Gegenüber ernstgenommen fühlt und alles aussprechen kann, dann wirke das entlastend und dann lege sich die Aufregung. Erst dann sei ein richtiges Gespräch möglich. Wichtig sei, den anderen und das, was er zu sagen hat, nicht abzuwerten: „Anstatt zu sagen ,du redest Blödsinn‘ kann man sagen, ich kann das nicht nachvollziehen“, empfiehlt Fabris. Trotzdem sollte man klar Position beziehen, etwa bei antisemitischen Aussagen. Die Strategie, das Thema Corona komplett zu vermeiden, hält sie nicht für sinnvoll, es zeitweise zu vermeiden könne aber entlastend wirken.

In den meisten Fällen wird diese Spaltung der Gesellschaft keine Nachwirkungen haben Andreas Olbrich-Baumann

Generell sollte man in Kontakt bleiben, Pausen können aber sinnvoll sein. Zum Selbstschutz gehöre auch, sich Hilfe durch andere Angehörige, Freunde oder in Form von Therapie zu suchen. Für mehr Einigkeit im sozialen Umfeld empfehlen Fabris und Olbrich-Baumann gemeinsame Aktivitäten, bei denen das Thema Corona keine Rolle spielt. Vor allem gemeinsam zu lachen wirkt sehr verbindend. Und: „Den anderen so sein lassen, wie er ist, und sich auf das fokussieren, was man an ihm schätzt“, rät Olbrich-Baumann.

Für alle, die wie Thomas hoffen, dass sich die soziale Spaltung mit dem Ende der Pandemie erledigt, hat Olbrich-Baumann gute Nachrichten: „Menschen sind sehr resilient. Wir sehen es an Naturkatastrophen: Sobald es vorbei ist, kehrt der Alltag zurück. In den meisten Fällen wird diese Spaltung der Gesellschaft keine Nachwirkungen haben.“