Wenn der Lebensmut verloren ist. Corona treibt die Zahl der Selbstmorde nach oben. Sozialer Beistand hilft potenziell gefährdeten Menschen.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 18. November 2020 (04:50)
Am Abgrund: Wer das Gefühl der Unerträglichkeit des Lebens spürt, braucht einen glaubwürdigen Beistand, der den Blick in die Zukunft lenken kann.
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In Italien hat es zwischen dem Beginn der Coronakrise im März und Anfang September 71 Selbstmorde und 46 Versuche gegeben. Die Ärzte im kalifornischen John Muir Center berichten, sie hätten während des Lockdowns mehr Selbstmorde als Covid-Tote gesehen.

In Österreich gibt es dazu seitens der Statistik Austria noch keine offiziellen Zahlen. Suizide haben hierzulande laut Suizidpräventionsprogramm SUPRA, das im Gesundheitsministerium angesiedelt ist, seit den 80er Jahren stark abgenommen. Im Schnitt scheiden seither rund 14,4 Personen pro 100.000 Einwohnern jährlich freiwillig aus dem Leben. In NÖ waren es 2019 228 Menschen.

Rotraud Perner, Psychoanalytikerin und Autorin.
Felicitas Matern

Jetzt aber, in Zeiten der Coronakrise, hat sich die Lage gedreht, alleine in NÖ, so heißt es aus Polizeikreisen unter vorgehaltener Hand, gibt es seit März vier bis fünf Selbstmorde pro Woche. Gründe sind vielfältig, einer davon ist die fehlende oder mangelhafte Betreuung psychisch Kranker aufgrund der Coronakrise: In Hall in Tirol wurde vor wenigen Tagen die Psychotherapie-Station des Krankenhauses gesperrt, das Personal dort wird für Coronapatienten gebraucht.

Es gibt nie nur eine einzige Ursache Rotraud Perner

Abseits psychischer Vorbelastungen dürften derzeit auch Existenzängste eine Rolle spielen. „Es gibt nie nur eine einzige Ursache“, sagt Psychoanalytikerin Rotraud Perner, „den Lebensmut zu verlieren ist ein langer Prozess.“

Was dann wichtig ist: gefährdeten Menschen Beistand zu geben. Perner: „Diejenigen, bei denen viele Belastungsfaktoren zusammen kommen – und die keinen Beistand erhalten, weil sie nicht den Erfolgskategorien der Werbebilder entsprechen – sind am meisten gefährdet. Weil sie in ihrer Verzweiflung den meisten ,auf die Nerven gehen‘ – weil sie fordern, überfordern, verbittert sind ... und genau diese Menschen brauchen, dass man sie aushält – und ihnen das bisschen Liebe entgegenbringt. Das motiviert, an der Problemlösung weiter zu arbeiten.“ Wer immer gefährdeten Menschen beisteht, der müsse aushalten, zuhören und Zeit schenken.

Dass die Coronakrise Menschen, die latent Suizidgedanken haben, den letzten Anstoß geben könnte, beantwortet Perner mit „leider ja“. Worauf es ankomme, sei der „Resilienzfaktor“: also die Kompetenz, mit unliebsamen Erfahrungen umgehen zu können. „Und Resilienz entwickelt sich unter fördernden Bedingungen, dazu zählt vor allem soziale Unterstützung“, sagt die Expertin.

"Mit Schuldzuweisungen löst man keine Probleme"

In Bezug auf die Coronakrise und ihre Wirkung auf die Psyche merkt Perner noch etwas an: „Polithickhack verschlechtert alles. Denn mit Schuldzuweisungen löst man keine Probleme. Das gilt auch für Angehörige.“

Wie können sich gefährdete Menschen wappnen? Perner: „Wagen Sie es, die Zukunftsperspektive des ,Worst Case‘ genau anzusehen, und finden Sie heraus, was Abhilfe schaffen könnte. Und wenn dabei herauskommt, dass man keine potenzielle Laien-Helferperson kennt, wenden Sie sich an Profis – von der Telefonseelsorge mit ihren sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern bis zur Psychotherapie.“