Ursachen-Forscher am Werk. Eine eigene Stelle im Verkehrsministerium befasst sich mit den Ursachen von Unfällen.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 25. Oktober 2016 (02:46)
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Zwei Güterwaggons prallten Mittwochmittag in Wieselburg gegen den Regionalzug 7012, der auf dem Weg von St. Pölten nach Scheibbs war.
Karin Heigl, Karin Heigl

Die Ursache ist noch unklar. Warum hat niemand am Mittwoch die bei Wieselburg im Regionalzug wartenden 22 Passagiere evakuiert? Wie konnte es überhaupt passieren, dass fünf herrenlose Güterwaggons dagegen krachten und so 14 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden?

Ersten Erkenntnissen zufolge soll der Fahrdienstleiter noch versucht haben, eine Weiche umzustellen, um die Kollision zu verhindern. Zumindest drei Bahnkreuzungen konnten zeitgerecht geschlossen werden, um einen Crash mit Autos zu verhindern. Die Ermittlungen zu Unfallursache und -hergang laufen auf Hochtouren.

Arbeiten unter hohem Zeitdruck

„Die größte Schwierigkeit bei solchen Erhebungen ist der hohe Zeitdruck. Einerseits, um durch eine genaue Sachverhaltsaufnahme erste Erkenntnisse abzuleiten, andererseits, um rasch wieder mit der Aufnahme des Verkehrs beginnen zu können“, sagt ÖBB-Pressesprecher Christopher Seif.

Untersucht werden solche Unfälle von der Staatsanwaltschaft, die mit der Exekutive das Ermittlungsverfahren durchführt „und für die strafrechtliche Prüfung verantwortlich ist“, erklärt Staatsanwältin Michaela Obenaus. Bei Bedarf würde auf gerichtlich beeidete Sachverständige zurückgegriffen. Und außerdem wird, so auch beim Unfall in Wieselburg, Kontakt zur Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes aufgebaut. Diese Stelle ist im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie angesiedelt.

Wie man durch Verbesserung der Sicherheit Unfälle wie in Wieselburg vermeiden kann, damit beschäftigen sich Experten wie Peter Urbanek, Leiter der Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes.
NOEN, privat

Eisenbahntechniker Peter Urbanek, mittlerweile Leiter der Sicherheitsuntersuchungsstelle, hat diese ab 2004 mit aufgebaut. 2006 ist die Arbeit der damaligen „Untersuchungsstelle des Bundes“ in Kraft getreten. „Wir decken die Verkehrsbereiche Schiene, Zivilluftfahrt, Schifffahrt und Seilbahnen ab“, informiert Urbanek. Für jeden Fachbereich gibt es Spezialisten. „Im Gegensatz zur Justiz, die Schuld und Haftung feststellt, klären wir die Ursache eines Schadensereignisses und leiten daraus Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit ab.“ Die Untersuchungsberichte erhalten nach Fertigstellung alle Unfall-Involvierten, überdies sind sie auf der Webseite der Sicherheitsuntersuchungsstelle (versa.bmvit.gv.at) abrufbar.

Der jeweilige Untersuchungsleiter verrichtet seine Tatbestandsaufnahme am Ort des Geschehens und erstellt einen vorläufigen, nicht öffentlichen Unfallbericht. „Dann können Beteiligte Stellung nehmen; ihre Aussagen werden in den Bericht eingearbeitet“, so Urbanek. Besteht da nicht die Gefahr von Schutzbehauptungen oder Eigeninteressen? „Durchaus“, weiß Urbanek, weist aber darauf hin, dass „alles genau geprüft wird und es ja eben nicht Aufgabe der Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes ist, die Schuldfrage zu klären.“

Ein spektakulärer Fall, bei dem die Expertise der Sicherheitsuntersuchungsstelle ebenfalls gefragt war, war die Kollision der Donauschiffe MS Austria und DFS Schönbrunn bei Dürnstein am 18. Juni dieses Jahres, bei der Landeshauptmann Erwin Pröll mit prominenten Gästen an Bord war.

Das Unglück

  • Wieselburg 2016: Am 19. Oktober wird um 12.05 Uhr die Feuerwehr alarmiert: Fünf Waggons sind herrenlos Richtung Wieselburg unterwegs. Bahnübergänge werden durch die Polizei gesichert. Um 12.09 Uhr kommt es zum Zusammenstoß der Waggons mit dem Regionalzug direkt vor dem Betriebsareal der Brauerei Wieselburg. In dem Zug sitzen 22 Personen. Sicher ist bislang nur, dass die fünf Waggons in Randegg von einem Güterzug entrollt sind. Warum, wird derzeit untersucht.
  • Wieselburg 2013: Das aktuelle Ereignis weckte bei vielen Bürgern Erinnerungen an das Unglück von 2013. Damals machte sich ein Eisenbahnwaggon selbstständig und schleifte einen PKW rund 100 Meter unter sich mit. Der Lenker hatte einen Bahnübergang queren wollen, da der „Geisterwaggon“ nicht die Blinkanlage auslöste, kam es zur Kollision. Für den 55-jährigen Mann aus St. Leonhard kam jede Hilfe zu spät, er wurde vom Waggon in seinem am Dach liegenden Auto erdrückt.