Ärztemangel: „Null Interesse für Praxis“. Immer weniger Jungärzte wollen als Allgemeinmediziner mit einem Kassenvertrag arbeiten.

Von Mario Kern, Nadja Straubinger und Renate Hinterndorfer. Erstellt am 12. Februar 2019 (03:57)
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DerNeulengbacher Arzt Helmut Fohringer geht in drei Jahren in Pension. Nachfolge ungewiss.

Mit mehr Gruppenpraxen und Primärversorgungseinheiten wollen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse dem Ärztemangel in Niederösterreich begegnen. In der Landeshauptstadt und der Region ist der Mangel aktuell zwar kein Thema. Von den insgesamt 181 Planstellen für Allgemeinmediziner, Zahnärzte und Fachärzte sind derzeit nur zwei unbesetzt: Die Kinderarztstellen in St. Pölten und in Purkersdorf.

„Der Beruf hat an Attraktivität verloren“

In der Region Wienerwald gehen in den nächsten Jahren aber einige praktische Ärzte in Pension. Recht optimistisch fällt der Blick in die Zukunft nicht aus. „Der Beruf des Allgemeinmediziners hat über die Jahre massiv an Attraktivität verloren“, stellt der Neulengbacher Arzt Helmut Fohringer fest. Für einen Kassenvertrag gäbe es nicht wahnsinnig viele positive Argumente. Der 62-jährige Hausarzt wird in drei Jahren in Pension gehen. Er hat die Fühler für einen Nachfolger bereits ausgestreckt, weil er sich einen fließenden Übergang wünscht: „Der Nachfolger soll die Patienten kennenlernen, und die Patienten sollen den neuen Arzt kennenlernen.“ Aber erste Versuche, einen neuen Kassenarzt zu finden, brachten keinen Erfolg: „Das Resultat war sehr ernüchternd. Bislang gibt es null Interesse für eine doch sehr schöne Praxis in einer begehrten Gegend. Mein Eindruck ist, dass junge Mediziner eine Praxis für Allgemeinmedizin nicht einmal geschenkt haben wollen.“ Als Gründe für das geringe Interesse an Kassenstellen nennt Fohringer die größeren Auswahlmöglichkeiten, die Jung-Mediziner im Vergleich zu früher haben, zum Beispiel im Wahlarztbereich. „Außerdem schauen die Jungen heute mehr auf die Work-Life-Balance.“

Einen akuten Ärztemangel gibt es in Neulengbach zwar nicht, doch Gesundheitsstadträtin Beate Raabe-Schasching meint, dass die Stadt durchaus mehr Kassenärzte brauchen könnte. „Und es muss rechtzeitig Nachwuchs aufgebaut werden.“ Sowohl im Bereich Allgemeinmedizin als auch bei den Fachärzten brauche die Bevölkerung das Angebot über die Krankenkassen. Nicht jeder könne und wolle sich Wahlärzte leisten: „Da sind wir als Stadt gefordert bei einer Ansiedlung mitzuhelfen. Dafür sehe ich eine Chance beim Neubau der Rot-Kreuz-Stelle. Die Idee, hier ein Ärztezentrum auf Kassenbasis anzusiedeln gab es schon und soll wieder aufgegriffen werden“, meint Raabe-Schasching.

Wie schwierig die Nachbesetzung einer Kassenarztstelle sein kann zeigt das Beispiel Altlengbach: Die Stelle wurde dreimal ausgeschrieben, die Gemeinde hat 5.700 Ärzte angeschrieben, bis mit Petra Neuhauser 2017 endlich eine neue Allgemeinmedizinerin als Nachfolgerin für den pensionierten Alois Schweighofer gefunden werden konnte. Etwa ein Jahr dauerte die Suche.

Bezirksärztevertreter Andreas Barnath sieht zwei Hauptgründe dafür, dass sich immer weniger Ärzte um Planstellen bewerben: den ungenügenden Tarif für die Behandlungen und die oft fehlende Möglichkeit der Medikamentenabgabe durch die Hausapotheke. Weil die Zahl der Bewerber rückläufig ist setzt die Gebietskrankenkasse, neben einer Honorarerhöhung verstärkt auf neue Formen wie Gruppenpraxen – elf gibt es in St. Pölten, weitere 16 im Umland – und die Primärversorgungseinheiten. „Die Erfahrungen in St. Pölten und Böheimkirchen sind sehr positiv. Derzeit arbeiten wir auch daran, Kinderärzte in den PVE anzudocken“, erklärt Kassen-Sprecherin Barbara Mann.

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