Erstellt am 28. März 2011, 00:00

von Thomas Jorda

Alles verbrannt. Rudolf Freudenthal auf Gut Immendorf bei Hollabrunn: „Für den Adel in Österreich wäre ein Korrektiv notwendig.“

„Manche sagen Herr Baron zu mir. Aber die Wertschätzung meiner Person soll von Taten und Leistungen kommen.“ Rudolf Freudenthal vor seinem, aus den Resten des Schlosses erbauten Haus.  |  NOEN, ERICH MARSCHIK
Wenige Schlösser haben ein so tragisches Schicksal wie das von Immendorf, das weniger als hundert Jahre im Eigentum der Familie Freudenthal gestanden ist.

„Als die Wehrmacht schon abgezogen war“, sagt Rudolf Freudenthal, „legte ein SS-Mann Feuer. Erst brannten die Türme, am nächsten Tag das ganze Schloss.“

Der Soldat hatte Brandsätze mit Zeitzündern gelegt, was zur völligen Zerstörung des Schlosses am letzten Kriegstag, also am 8. Mai 1945 führte. Die Motive sind unklar. „Vielleicht wollten die Deutschen das Schloss nicht in russische Hände fallen lassen, weil man von den Türmen bis Ernstbrunn sah. Oder es sollten die im Schloss gelagerten Munitionsvorräte zerstört werden.“

Das gelang; dazu kam die Vernichtung der dort ausgelagerten Sammlung Lederer mit ihren vielen Klimt-Bildern und die Zerstörung von 300 antiken Teppichen, die das Kunst- und Gewerbemuseum deponiert hatte.

„Es brannte zwölf Tage“, sagt Rudolf Freudenthal, „und zuletzt war alles so durchgeglüht, dass man fast nichts mehr verwenden konnte. Sogar die Kacheln der Kamine zerfielen zu Staub.“

Aus dem, was übrig blieb, baute der Großvater Rudolf Freudenthals im Schlosspark ein kleines Wohnhaus. Während der Enkel den Mauerresten emotional nicht nahe steht, hat der Vater unter der Zerstörung sehr gelitten. „Mit dem Schloss ist ja in gewisser Weise auch seine Kindheit verloren gegangen.“

Die Herkunft Rudolf Freudenthals ist kompliziert. Seine Vorfahren entstammen der Familie Wrbna und Freudenthal, ein altadeliges schlesisches Geschlecht, 1642 als Reichsgrafen bestätigt und in Böhmen ansiedelt. Dazwischen kam eine gewisse Anna Müller, uneheliche Tochter des Fürsten Friedrich zu Schwarzenberg mit einer, wie es in der Familienchronik heißt: „ganz hoch stehenden bzw. höchststehenden Dame“. Das Geheimnis, wer das war, nahmen alle, die es wussten, ins Grab. Der Nachfahre jenes Rudolf Graf Wrbna und Freudenthal, der Demoiselle Anna Müller kennen und lieben lernte, musste aber auf den Grafentitel verzichten und wurde im Jahr 1876 in den Freiherrenstand erhoben.

Die Familie erwarb das Schloss Immendorf im Jahr 1886; da sah das im 13. Jahrhundert als Wasserschloss erbaute Anwesen längst anders, und zwar historistisch aus.

Was Rudolf Freudenthal blieb, ist ein großer Park mit einer Mauer rundherum und ein paar Stück Damwild. Und das Gut Immendorf, 440 Hektar Äcker und Wälder. Hier baut er – in einer der niederschlagsärmsten Regionen Österreichs – Getreide, Rüben, Raps. Und widmet sich nachhaltiger Energiegewinnung.

Seine Biogasanlage produziert aus Abfällen regionaler Erdäpfelverarbeiter Strom für 300 Familien und Wärme für eine Schnittholztrocknung. Jetzt plant er die Aufstellung von zehn Windkrafträdern zu je zwei Megawatt Leistung. Nicht zur Freude aller Mitbürger.

Doch in Sachen Energie ist Freudenthal visionär. „Ich beschäftige mich damit, weil ich den Umstieg der Energiegewinnung hin zur Nachhaltigkeit für notwendig halte. Dazu kommen der Reiz des Neuen und wirtschaftliche Interessen. Obwohl: Reich wird man damit nicht!“

Vom Adel hält Rudolf Freudenthal heute wenig. „Denn er hat den Großteil des Sinns verloren, weil es kein Korrektiv mehr gibt. Unverdiente werden nicht mehr ausgeschlossen; Verdiente nicht mehr aufgenommen. Ohne diese Einstiegs- und Austrittsmöglichkeit verpflichtet auch der Adel zu nichts. Mich verpflichtet meine Familie – das Gemeinwohl im Auge zu halten.“


RUDOLF FREUDENTHAL …

… wurde am 17. September 1969 in Wien geboren und wuchs in Immendorf auf. Die Matura legte der einzige Bruder von fünf Schwestern 1988 im Francisco-Josephinum in Wieselburg ab und absolvierte ein Teilstudium an der Wirtschaftsuniversität. 2000 übernahm er das Gut Immendorf und betätigt sich daneben als Energieanbieter. Er hat zwei Töchter, Clara (geboren 2003) und Louisa (2007).