Erstellt am 20. Juni 2011, 00:00

von Thomas Jorda

An der Grenze. Johann Seilern-Aspang, Herr von Schloss Litschau: „Wenn ich was über die Familie wissen will, dann schaue nach.“

„Meine Familie hat eine religiöse Grundeinstellung. Jedes Jahre fahren wir mit den Maltesern nach Lourdes und betreuen Behinderte.“ Johannes Seilern-Aspang vor Schloss (links) und Burg Litschau.  |  NOEN, ERICH MARSCHIK
Die Rede vom Ende der freien Welt ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und Tschechiens Beitritt zur EU obsolet geworden. Aber so ganz lässt sich die Grenzsituation in Niederösterreichs nördlichster Stadt nicht vergessen. Hier gab’s schon im 13. Jahrhundert Grenzkonflikte, nämlich zwischen Ottokar von Böhmen und Rudolf von Habsburg, hier wurde zur selben Zeit auch die imposante Burg mit dem prächtigen Bergfried errichtet.

Damals wie heute ist er nur über die Außenleiter zugänglich.

Markant sind die herausragenden Kragsteine, auf der einst die Umlaufgalerie ruht.

Auf ihnen marschiert in Vollmondnächten der frühere Eigentümer der Burg, Oberst Wenzel Freiherr von Moratschky, mit dem Kopf unter dem Arm – zur Strafe für die blutige Unterdrückung des Waldviertler Bauernaufstand 1597.

Einem Schweden den Löffel aus dem Mund geschossen

Doch das ist nicht die einzige Geschichte über den Turm. „Angeblich“, erzählt Johannes Seilern-Aspang, „hat im Jahr 1645 eine Burgfrau mit Pfeil und Bogen vom Turm aus einem schwedischen General, der gerade zu Mittag aß, den Löffel aus der Hand geschossen. Daraufhin sind die Schweden abgezogen.“

1763 kaufte Christian August Reichsgraf von Seilern und Aspang die Burg, die seither im Eigentum der Familie steht. „Er war Kämmerer bei Maria Theresia und maßgeblich an der Pragmatischen Sanktion beteiligt.“

Und er errichtete neben der Burg auch ein neues Schloss, das heute noch von den Seilern bewohnt wird. Johannes ist als Ältester der Primogenitur der Chef des Hauses Seilern-Aspang. Mit der Familiengeschichte beschäftigt er sich trotzdem nicht allzu intensiv. „Man befasst sich viel zu wenig mit den eigenen Angelegenheiten“, sagt er seufzend und blickt suchend in den dicken Wälzer eines Lokalhistorikers.

„Wenn ich etwas wissen will, schaue ich halt nach. Irgendwann werde ich mit meinem ältesten Sohn all das studieren und analysieren. Dann wissen wir es und vergessen es wieder. Ich bin einfach zu sehr mit Fragen der Betriebsführung beschäftigt.“ Was bei 3900 Hektar Wald auch nicht wirklich verwundert.

Außerdem muss man ihm zugestehen, dass kaum schriftliche Unterlagen vorhanden sind. „Die Familie musste das Schloss meines Vaters in Böhmen 1945 augenblicklich verlassen, in Litschau hat zuerst die SS gehaust, dann waren die Russen da. Die haben alle Parkettböden verheizt und die Kachelöfen zerschossen. Kein Wunder, dass es das Familienarchiv nicht mehr gibt und wir auf mündliche Überlieferung angewiesen sind.“

Zum Glück würde sich aber seine Frau Elisabeth um die Historie der Familie kümmern. Die gebürtige Gräfin Goëss ist eine Nachfahrin von Erzherzog Johann. „Ich hab’ sie bei einer Jagd kennen gelernt. Sie war damals neunzehn Jahre alt, zwölf Jahre jünger als ich, bildhübsch und einen Kopf größer. Erst hab’ ich ja gedacht: Das kann ich ihr nicht zumuten …“

Um den Titel Reichsgraf ist es ihm nicht leid. „Was habe ich davon, ihn zu führen? Untereinander wissen wir’s. Und wenn wer was will, dann kennt er den Titel plötzlich auch.“

Die adelige Herkunft sieht Seilern ambivalent. „Man weiß es, thematisiert es aber nicht und springt nicht jedem damit ins Gesicht. Trotzdem finde ich es anmaßend, dass man 1919 einen ganzen Stand verboten hat.“


JOHANNES SEILERN-ASPANG …

… wurde am 6. Juni 1945 auf Schloss Friedberg im Inntal geboren und wuchs in Litschau auf.

Nach der Matura in Wien und der Fachschule für Sägeindustrie in Kuchl übernahm er 1970 das elterliche Sägewerk, 1992 schließlich Burg, Schloss und Forstbetrieb

Litschau. Seit 1979 ist er mit

Elisabeth, einer gebürtigen Gräfin Goëss verheiratet. Beider Kinder heißen Antoinette (geboren 1980), Franziskus (1981), Hubertus (1984) und Valerie (1986).