Andere Zeiten. Maria Elisabeth Nostitz-Rieneck in Herzogenburg: „Die Herkunft spielt für mich im täglichen Leben keine Rolle.“

Von Thomas Jorda. Erstellt am 16. September 2014 (10:06)
»Ich versuche immer, nicht an mich zu denken, sondern an die Anderen. Ich bin gerne für meine Familie und meine Mitmenschen da.« Elisabeth Nostitz-Rieneck in ihrem Rosengarten in Herzogenburg.
NOEN, FOTO: ERICH MARSCHIK
Der Hof des schmucken, Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Hauses mitten in Herzogenburg ist ein kleines Paradies. Hier blühen und duften zwanzig verschiedene Rosensorten um die Wette. Dazwischen streunt Wandi, ein Hund aus dem Tierschutzhaus. Und man sieht vom Nussbaum aus die charakteristische Turmspitze der Stiftskirche.

Maria Elisabeth Nostitz-Rieneck ist dem Augustiner-Chorherrenstift verbunden. „Ich besuche die Bibelrunde bei Propst Maximilian Fürnsinn und schätze ihn sehr. Manche sagen mir sogar nach, dass ich Ehrenmitglied des Stiftes bin.“

Geboren wurde Maria Elisabeth als eine Edle von Hackenschmidt. Über ihre zwei Schwestern ist sie die beliebte Tante vieler Großnichten und -neffen. Bei ihnen gilt Tante Tuschi als „absolut cool“. Aber wieso Tuschi?

Die russische Großmutter nannte sie Duscha, Seelchen

„Ich war als Kind sehr krank und hatte eine Lungenentzündung. Damals gab’s ja kaum Antibiotika, aber meine russische Großmutter – Mutter stammte aus baltischem Adel und wurde in St. Petersburg geboren – hat mich immer herumgetragen. Sie nannte mich Duscha, was auf Deutsch Seelchen bedeutet. Das ist mir geblieben.“
Ihren Mann Martin hat sie über ihre ältere Schwester kennen gelernt und nach eineinhalb Jahren geheiratet: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Die Familie Nostitz-Rieneck lässt sich bis in das zwölfte Jahrhundert zurückverfolgen, stammt eigentlich aus Schlesien und war einst in Böhmen sehr begütert. Martins Linie wurde 1651 in den Reichsgrafenstand erhoben. Besonders bemerkenswert in der Familiengeschichte war Franz Anton Graf von Nostitz-Rieneck, der in Prag 1783 jenes Gräflich Nostitz’sche Nationaltheater errichten ließ, in dem vier Jahre später Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ uraufgeführt wurde. Was der Familie nicht viel Dank einbrachte; 1945 wurde sie, wie viele andere, vertrieben.

Aber die Zeiten haben sich zum Glück ein wenig verändert. „Mein Mann und ich waren Gäste von Präsident Vaclav Havel, als das Haus 1991 nach einer Restaurierung wiedereröffnet wurde. Und heute noch steht Nostitz-Rieneck groß auf der Fassade des Hauses. Dieser Besuch war für uns ein sehr großes Erlebnis.“
Aber auch in Österreich haben die Nostitz’ wichtige Spuren hinterlassen. Ein Mitglied der Familie heiratete Sophie von Hohenberg, einzige Tochter des Thronfolgers Franz Ferdinand.

Der Titel der Reichsgräfin geht Maria Elisabeth nicht ab. „Nicht eine Sekunde. Der Adel existiert in Österreich nicht mehr, nur auf die Menschen kommt es an. Ob ich Frau Nostitz bin oder Gräfin Nostitz, ist mir egal.“ Natürlich sei die Familiengeschichte interessant, die wolle sie auch nicht verleugnen. „Aber das war es schon, das ist Vergangenheit. Wir leben in ganz anderen Zeiten.“

Oft trifft sie, bei Festen, Hochzeiten oder Begräbnissen, die Familie. „Das ist immer wieder eine große Freude. Aber das tägliche Leben ist anders. Da begegne ich ganz anderen Menschen, um die muss ich mich bemühen.“

Und Maria Elisabeth bemüht sich tatsächlich. Im Herbst will sie wieder Deutschkurse für Migrantenkinder geben. Und sie kümmert sich um Großnichten und -neffen. „Heute verpflichtet der Adel zu gar nichts. Aber es gehört sich zusammenzuhalten. Das Zusammenhalten im Guten wie im Bösen, das unterscheidet uns vielleicht von anderen.“


MARIA ELISABETH NOSTITZ-RIENECK …

… wurde am 10. Juli 1943 in Wien geboren und wuchs dort und in Steinhaus bei Wels auf.
Sie arbeitete für ein Reisebüro, als Sekretärin des Südafrikanischen Botschafters und für die Kongresse in der Wiener Hofburg.
1970 heiratete sie den 2005 verstorbenen Martin Nostitz-Rieneck. Die beiden zogen Mitte der Siebzigerjahre nach St. Pölten und später in ein altes Bauernhaus in Gasten. Seit 2007 wohnt sie nun in Herzogenburg.