Ein Wahnsinn. Erasmus Pachta-Reyhofen auf Schloss Grünbichl in Kilb bei Melk: „Schrecklich, so viele Verwandte zu haben.“

Von Thomas Jorda. Erstellt am 03. Januar 2011 (00:00)
NOEN, ERICH MARSCHIK
Erasmus Pachta-Reyhofen vor Schloss Grünbichl. Es geht aufs 11. Jahrhundert zurück, die aktuelle klassizistische Form datiert Anfang des 19. Jahrhunderts und verdankt sich den Grafen Wickenburg.
Das Vorrecht des Alters oder Eigenschaft des Aristokraten? Erasmus Pachta-Reyhofen, 86 Jahre alt, macht aus seinem Herzen selten eine Mördergrube.

Zum Beispiel bezüglich der Bayern. Die haben einem seiner Vorfahren, Graf Bernhard Erasmus von Deroy, in München ein Denkmal gesetzt. „Sie sind schon sehr seltsam, diese Bayern“, erklärt Pachta seine Sicht, „Deroy hat auf napoleonischer Seite ganze zwei Schlachten geschlagen. Eine hat er mit Glanz und Gloria verloren, und einmal hat er mit zwei bayerischen Divisionen hundert Tiroler geschlagen.“

Doch auch manche Franzosen mag er nicht, etwa Joséphine de Beauharnais. „Mit der bin ich auch verwandt, Napoleon ist also ein angeheirateter Onkel. Aber schreiben Sie das nicht! Ich kann ihn nicht leiden!“

Der Großvater war unter Kaiser Karl Innenminister

Da ist ihm der Großvater mütterlicherseits eher lieb. Erasmus Freiherr von Handel war Statthalter von Dalmatien und Oberösterreich, auch Innenminister unter Kaiser Karl. Oder eine andere Verwandte, die Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti.

Die Familie seines Vaters war eine bedeutende preußische Beamtendynastie, in die sich etwa der Alte Dessauer – und damit Preußens Gloria – über eine Prinzessin Anhalt-Dessau genetisch eingebracht hat.

Schnittstelle zu Österreich war 1620 die Schlacht auf dem Weißen Berg, als Johann Joachim Graf Pachta die habsburgische Herrschaft über Böhmen sichern half und dafür zusätzlich zum Reichsfreiherrn von Reyhofen erhoben wurde; ein Gut, das die Familie seit Ende des 15. Jahrhunderts besaß, ein, wie Erasmus meint, „besserer Schweinestall“.

Dieser Johann Joachim war ein bemerkenswerter Mann, „der als böhmischer Protestant auf habsburgischer Seite gekämpft hat und auf dem Totenbett katholisch wurde – damit der Besitz dem Sohn erhalten blieb.“ Davon gab’s genug. Ohne Namen zu nennen, meint Pachta: „Ich weiß nicht, wo das Geld hingekommen ist, ich hoffe nur, dass es einer mit den Balletteusen der Prager Oper durchgebracht hat.“

Die Familie („schrecklich, so viele Verwandte zu haben“) beeindruckt. Da ist etwa ein Pater aus der Familie Pachta, „der Wallenstein eine reiche Ehefrau besorgt und katholisch gemacht hat.“ Oder Ernst von Pachta, der in Prag Wolfgang Amadeus Mozart einsperrte und KV 509 abtrotzte. Aber auch auf die aktuellen Vertreter der Familie ist Erasmus stolz. Sohn Georg, der seit gut einem Jahr Vorstandssprecher des Lkw- und Maschinenbauers MAN ist und 2005 das Schloss Grünbichl in Kilb gekauft hat – als standesgemäßer Sitz der Familie. 1868 hatte sie den Besitz in Böhmen verkauft und sich in Österreich angesiedelt. Durch familiäre Umstände warf man 1939 diese Güter auf den Markt.

„Das war der Wahnsinn des Jahrhunderts“, mäkelt Pachta-Reyhofen, „am Anfang des Krieges waren durch die vielen Arisierungen die Preise im Keller.“

Prägend für ihn war der tiefe Fall durch und nach dem Krieg. „Ich bin im Luxus aufgewachsen, habe militärische Karriere gemacht, ohne bei der NSDAP gewesen zu sein. Und dann fünf Jahre in Sibirien! Da war ich ganz unten. Aber ich habe die Menschen kennen gelernt. Und war überrascht, dass einfache Leute oft die bemerkenswertesten Talente hatten. Als ich zurückkam, war ich nichts und hatte nichts. Ich habe mir alles aufbauen müssen. Heute bin ich froh über meinen Adelstitel, aber stolz darauf, dass er mir nicht wichtig ist. Meine besten Freunde habe ich unter den ganz einfachen Arbeitern und Bauern. Ich fühle mich wohl hier, auch ohne die Schlösser der Nachbarschaft allzu oft zu frequentieren.“


ERASMUS PACHTA-REYHOFEN …

… wurde am 1. Dezember 1924 in Ingolstadt geboren, lebte bis 1942 in Schlesien, wurde dann eingezogen und war von 1945 bis 1950 in russischer Kriegsgefangenschaft.

Nach intensiver Jobsuche landete er 1952 bei Siemens Österreich, wo er es in den Vorstand brachte. Seit 2005 lebt er im Wirtschaftsgebäude von Schloss Grünbichl in Kilb. 1952 heiratete er Erentrudis (von) Watteck, mit der er drei Söhne hat, Alexander (geboren 1954), Georg (1955), Erasmus (1959).