Erstellt am 20. Dezember 2010, 00:00

von Thomas Jorda

Fremde Federn. Mella Waldstein, freie Publizistin in Drosendorf: „Die Abstammung ist keine Bürde, wie viele von uns behaupten.“

»Adel verpflichtet zur Höflichkeit und Weitergabe von Werten. Die Schale Werte soll gefüllt sein für die nächste Generation, mit dem, was man für richtig und wertvoll hält.« Mella Waldstein in Drosendorf.  |  NOEN, ERICHMARSCHIK
Schloss hat sie keines, dafür Kälte genug in Drosendorf, hoch im Norden Niederösterreichs. Mella Waldstein arbeitet hier, dank der Kommunikationstechniken, als freie Publizistin. Bücher über das Waldviertel hat sie viele geschrieben oder herausgegeben, auch über die Kunst. Und dazu noch unzählige Essays und Reportagen verfasst.

Maria Emanuele („kann kein Mensch aussprechen, Mella hat dankenswerterweise mein Bruder erfunden“) trägt einen großen Namen. Die Familie Waldstein (Vald?tejnové) wurde 1628 als eine der ersten des alten böhmischen Adels in den Grafenstand erhoben. Zwei Jahre später wurde sie zu Reichsgrafen.

Wie auf dem Kriegsfeld aus Waldstein Wallenstein wurde

Der große Feldherr des Dreißigjährigen Krieges, Wallenstein, entstammte der Familie. „Er hat den Namen aus phonetischen Gründen geändert, weil man ihn auf dem Schlachtfeld kaum versteht, wenn man ihn ruft. Das geht mir am Telefon auch so.“

Doch Mella ist gar keine geborene Waldstein, sie wurde vom Gatten der Mutter adoptiert. Dafür hat sie mütterlicherseits noch prominentere Ahnen. Josepha Habsburg ist Enkelin von Erzherzogin Marie Valerie – Mutter und Tochter stammen also in direkter Linie von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth ab.

„Wer sagt, die Abstammung ist eine Bürde, lügt sich in den Sack. Man kriegt viel mit, wofür andere hart kämpfen müssen, bekommt Vorschusslorbeeren, denen man oft nicht gerecht wird. Wenn einer von uns mit einem Namen operiert, der für viele gut klingt, dann muss er dem entsprechen.“ Die Lehre, die Walstein daraus zieht: „Ich passe sehr auf, dass ich mich nicht mit fremden Federn, mit Verdiensten der Vergangenheit schmücke.“

Eine dieser Federn ist der Titel der (Reichs-)Gräfin, der ihr noch vor 1919 zugestanden wäre. „Wir sind damit aufgewachsen, vor allem Vater und Mutter wurden oft so tituliert. Nach dem Krieg war der Feudalismus in Niederösterreich noch sehr stark.“

Adoptivvater Clemens kommt aus dem mährischen Trebitsch, das Schloss hat die Familie 1945 verloren. Ressentiments gibt es deshalb nicht. „Wir haben dort sogar ein Familienessen veranstaltet. Exkursionen, um kennen zu lernen, was mit den Waldsteins zu hat, machen wir einmal im Jahr, da ist rasch ein ganzer Bus voll. Es ist schon interessant, mit den alten Tanten und Onkeln zu plaudern. Da ärgere ich mich, wenn ich kein Tonband dabei habe.“ Oft fährt sie nicht mit, „eine Zeit- und Geldfrage.“

Nach dem Krieg zog die Familie ins Schloss Karlslust bei Mitterretzbach, wo sie heute noch eine Landwirtschaft betreibt. Mella besuchte eine landwirtschaftliche Schule, engagierte sich („als Funkerin!“) in Hainburg, arbeitete als Journalistin in Wien und landete in Drosendorf.

„In den Achtzigern war’s modern, ins Waldviertel zu gehen. Ich habe in Drosendorf eine alte Mühle entdeckt, ohne Wasser und Strom, herrlich!“ Dazu kamen dann bald ein Mann und zwei Kinder – die Verortung in Drosendorf ist wohl endgültig. Außerdem hat sie das Thayabad gepachtet. Angesichts der Witterung aber selten ein Geschäft.

Ihre Lebenseinstellung hat sich wie der Wohnort geändert. „Früher war ich linksalternativ, heute habe ich ein relativ aufgeschlossenes Lebenskonzept. Ich hinterfrage Dinge, leiste Kulturarbeit, arbeite über die Grenzen.“

Dorthin zieht es Mella Waldstein immer noch, vor allem nach Tschechien. Vielleicht liegt das in den adeligen Genen. Sie sieht es ganz pragmatisch: „Ich bin eben noch dabei, meine große Neugierde zu stillen.“


MELLA WALDSTEIN ...

... wurde am 12. Dezember 1964 in Paris geboren und wuchs im Schloss Karlslust bei Mitterretzbach auf. Sie maturierte 1984 in Sitzenberg-Reidling, studierte Publizistik, Spanisch, später Russisch. Von 1986 bis 1996 arbeitete sie für eine Wiener Tageszeitung und lebt seither in Drosendorf als freie Publizistin. Im selben Jahr heiratete sie Wilhelm Erasmus (Leiter des Filmclubs Drosendorf) und hat mit ihm zwei Kinder, Ernesta (geboren 1996) und Leander (1998).