Erstellt am 08. November 2010, 00:00

von Thomas Jorda

"Für die Kunst". Rudolf von Geymüller auf Schloss Hollenburg bei Krems: „Die Wurzeln meiner Familie liegen in der Schweiz.“

»Jedes Familienmitglied hat einen ähnlichen Kodex, ein ähnliches Gedankengut. Bei allen geht's ähnlich zu. Da kann man sich darauf verlassen.« Rudolf von Geymüller vor Schloss Hollenburg.  |  NOEN, ERICH MARSCHIK
Geld regiert die Welt. Das wissen wir nicht erst seit der Pleite der Lehman Brothers. Das wusste auch das Haus Habsburg. Doch was tun? Geldgeschäfte waren ja bei den Katholiken verpönt. Zum Glück gab’s zwei Gruppen ohne Berührungsängste. Also borgten die stets klammen Habsburger notwendige Mittel für Hofhaltung, Mitgift und Kriegsführung von Juden und Protestanten.

„Meine Vorfahren waren Ratsherren in Basel und erfolgreich besonders im Safranhandel“, erzählt Rudolf von Geymüller. „Im Jahr 1770 lud sie ihr Freund Peter Ochs ein, nach Wien zu kommen und in sein Handelshaus einzutreten. Er hatte keine Nachfolger.“ Und die Geymüllers kamen, alle Baseler Bürger, Protestanten und begnadete Finanzfachleute.

Für das Haus Habsburg besonders nützlich

Vor allem Johann Heinrich Geymüller (1751 – 1824) erwies sich für das Haus Habsburg äußerst nützlich. „Er war maßgeblich beteiligt“, berichtet Nachfahre Rudolf, „dass Österreich die hohen Reparationszahlungen an Napoleon leisten konnte. Er war auch Mitbegründer von Nationalbank, Donauversicherung und Kammgarnfabrik. In Österreich hat er geheiratet, natürlich katholisch, wurde 1804 zum Ritter erhoben und 1824, kurz vor seinem Tod, zum Freiherren.“

Dabei legte er seine Zugehörigkeit zu Basel nie ab. Das tat auch Rudolf von Geymüller nicht, als Schweizer Bürger darf er deshalb das „von“ im Namen tragen.

Um die weitere Geschichte der in mehrere Linien geteilten Familie zu verstehen, bedarf es eines komplexen Organigramms.

Ein Geymüller war es, der in Wien Schloss Pötzleinsdorf gekauft und ausgebaut hat, ein anderer das südböhmische Schloss Kamenitz, ein Dritter schließlich Schloss Hollenburg bei Krems.

Rudolf von Geymüller wurde auf Kamenitz geboren, „denn mein Vater war ein begeisterter Böhme und hat Kamenitz geliebt. Er hat nie geglaubt, dass er als Schweizer Bürger und böhmischer Patriot auch zum Opfer der Bene?-Dekrete werden sollte. Aber am 12. Mai 1945 gaben ihm die Tschechen vier Stunden Zeit, das Schloss zu verlassen, mit meiner, mit Zwillingen schwangeren Mutter und mit mir als Säugling. Dabei war die Familie immer gegen die Nazis. Eine Großmutter hatte im Testament verfügt, dass jedes Familienmitglied, das der NSDAP beigetreten und aus der Kirche ausgetreten war, enterbt wurde.“

Die Flucht endete in Schloss Hollenburg, das ihnen ein Verwandter überließ. Das Gebäude am Fuß des Wetterkreuzsteins stand neunhundert Jahre im Eigentum des Bistums Freising, ehe es an die Geymüllers kam und von 1820 bis 1823 im klassizistischen Stil umgebaut wurde. Der Architekt war wohl Josef Kornhäusel, der beste Planer im Biedermeier.

Die Qualität der Anlage ist beachtlich. „Das Schloss trägt immer noch das Dach von 1823. Und es hat auch innen höchste Qualität. Der Einbau moderner Infrastruktur und der neuen Heizung war kein Problem.“

Rudolf von Geymüller führte in Hollenburg ein Weingut. „Aber wir sind nach 1985 unter die Räder des Weinskandals gekommen. Was blieb, ist eine intensive Beziehung zur zeitgenössischen Kunst. Immerhin waren wir die ersten, die Künstler-Etiketten auf Weinflaschen geklebt haben.“

Heute zählt das Ehepaar Geymüller zu den großen Kennern und wichtigen Förderern moderner Kunst im Land. Das ist auch, was Geymüller zum Thema Adel verpflichtet einfällt. „Dazu gehört die Pflege der Tradition, die Pflege dessen, was die Vorfahren aufgebaut haben. Und dazu gehört das Engagement heute. Bei mir ist es eben für die Kunst.“


RUDOLF GEORG VON GEYMÜLLER ...

... wurde am 2. September 1944 auf Schloss Kamenitz in Böhmen geboren, wuchs in Hollenburg auf, maturierte 1962 in Kalksburg und studierte Forstwirtschaft (DI 1968).

Er war von 1971 bis 1976 für die Chase Manhattan Bank tätig und führte von 1977 bis 1990 in Hollenburg ein Weingut. Der Schweizer Staatsbürger ist seit 1978 mit Gattin Elisabeth, einer Rechtsanwältin verheiratet. Sie haben drei Kinder, Philipp (geboren 1979), Maximilian (1980) und Sophie (1988). Um das Schloss ungeteilt zu erhalten, ist es in eine Stiftung eingebracht.