Erstellt am 19. Dezember 2011, 07:28

von Thomas Jorda

Nur Nachteile. Diviš Czernin auf Schloss Tannenmühle bei Altlengbach: „Es ist uns gelungen, den Kommunismus zu überleben.“

»Alles ist vergänglich. Aber der Glaube trägt das Leben.« Helene und Divis Czernin vor dem romantisch überwachsenen, im englischen Stil gehaltenen Schloss Tannenmühle.  |  NOEN, ERICH MARSCHIK
Er stammt aus einer uralten böhmischen Adelsfamilie. Die Wurzeln lassen sich in das Jahr 960 zurückverfolgen. 1193 wurde sie zum ersten Mal urkundlich erwähnt und 1623 in den Reichsgrafenstand erhoben, zwei Jahre nach einem wenig erfreulichen Ereignis. Der Vorname Diviš (Dionysos) ist nämlich historisch belastet.

„Der vorherige Träger des Namens, Diviš Czernin von Chudenitz, wurde als einziger Katholik mit siebenundzwanzig anderen Teilnehmern des Aufstandes gegen die Habsburger am 21. Juni 1621 auf dem Prager Altstädter Ring hingerichtet – nach der Schlacht am Weißen Berg.“
Der aktuelle Träger ist zwar bei Leib und Leben, seine Geschichte möchte man aber nicht teilen.

Von den Nazis verhaftet, von den Kommunisten vertrieben

„Mein Vater wurde 1942 von den Nazis eingesperrt, die Familie musste Schloss Dimokur verlassen. 1947 sind wir von Stettin zu Fuß zurückgekehrt, dann konfiszierten es die Kommunisten. Vater und Mutter mussten als Hilfsarbeiter in einer Zuckerfabrik arbeiten, wir wurden in einer alten Ziegelei untergebracht, ohne Strom und Wasser.“

Diviš durfte nur die Pflichtschule und eine Installateurlehre absolvieren. „Dann bin ich zum Militär eingezogen worden, ausgerechnet während der Kubakrise! Wir hatten vier Monate lang Tag und Nacht Dienst, immer Bereitschaft. Wir mussten sogar in den Stiefeln schlafen.“

1964 floh die Familie nach Österreich, „mit nur einem Koffer“.
Über seinen Adelstitel denkt er nicht nach. „Ich bin deswegen 22 Jahre als Ausbeutersohn und als Aristo verhöhnt worden, hatte nur Nachteile und bin von Kindheit an von der tschechischen Polizei überwacht worden. Dauernd sind Verwandte eingesperrt worden. Man wusste nicht, was am nächsten Tag sein wird. Es herrschte reine Willkür.“
Dennoch spiele der Adel in seinem Leben eine große Rolle, sagt Czernin. „Ich habe Grund, auf meine Familie und deren Geschichte stolz zu sein, vor allem auf unsere christlichen Werte, die uns unabhängig von materiellen Dingen machen.“
Denn: „Der Glaube hat uns in den schweren Zeiten sehr geholfen. Wir haben den Kommunisten gezeigt, dass man auch ohne jeden Besitz überleben kann!

In Österreich hat Czernin beim Skifahren Helene von Blaas kennen gelernt. Sie stammt aus einer bekannten Künstlerfamilie. Karl, Eugen und Julius von Blaas waren im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sehr berühmte Genre- und Historienmaler.
Und sie brachte Schloss Tannenmühle in die Ehe ein, ein Anwesen, das aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt. Fürst Nikolaus Esterhazy ließ es nach 1871 im Stil eines englischen Landsitzes umbauen, als Andenken an seine früh verstorbene englische Ehefrau Sarah. Von den Kommunisten devastiert, diente es dann als Geburtsstation und kam schließlich an die Familie Blaas.

Diviš Czernin genießt das versteckt liegende Anwesen und die hundert Hektar Wald, auch wenn er längst wieder regelmäßig nach Tschechien fährt. Denn das Blatt hat sich gewendet, die Wunden der Vergangenheit schmerzen zwar noch, aber sie bluten nicht mehr. Als tschechischer Staatsbürger hat Czernin seit dem Fall des Kommunismus 1989 um die Restitution der ihm gehörenden Familiengüter gekämpft.
Tatsächlich hat er viele zurückbekommen, vor einigen Wochen hat ihm das Gericht auch das hübsche Schloss Hlušice zugesprochen. Manches Mal siegt doch die Gerechtigkeit.

DIVIŠ CZERNIN …

… wurde am 21. Mai 1942 auf Schloss Dimokur in Tschechien geboren. Nach vielen Repressionen durch die Kommunisten flüchtete die Familie nach Österreich. Er lernte Deutsch, absolvierte eine fünfjährige HTL und arbeitete drei Jahre als Techniker in Südafrika. 1985 heiratete er Helene von Blaas. Sie haben drei Kinder,
Anniebel (geboren 1990), Maria (1991) und Karl (1992).