Erstellt am 15. September 2014, 14:05

von Thomas Jorda

Streng erzogen. Hans Christian Wilczek auf Schloss Seebarn: „Wir sind Verwalter, die das Bestmögliche in ihrer Zeit versuchen.“

»Ich bin sehr für die Demokratie, aber mit den richtigen Leuten. Doch die sind, leider, nur sehr schwer zu finden.« Hans Christian Wilczek vor einem Teil seines Schlosses in Seebarn.  |  NOEN, FOTO: ERICH MARSCHIK
Beeindruckend grüßte sie als Inbegriff des Mittelalters die Benützer der Donauuferautobahn. Das ist vorbei, seit die Schallschutzwände keine freie Sicht mehr ermöglichen. Und das Mittelalter hat noch nie gestimmt.
Die Burg Kreuzenstein, formatfüllend auf einem Sandhügel nahe Korneuburg gelegen, wirkt jahrhundertealt, wurde aber erst Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. „Mein Urururgroßvater war ein großer Mittelalterfan, er hat Burgen geliebt“, sagt Hans Christian Wilczek. „Er wollte erst eine Familiengruft bauen, aber es wurde eine Burg daraus.“

Die Familiengruft gibt es noch, dreizehn Wilczeks sind inzwischen auf Kreuzenstein begraben, die ein absolut besuchenswertes Mittelaltermuseum ist. „Mein Vorfahr hat Exponate aus aller Welt zusammengetragen, damals konnte man Dinge aus der Zeit noch günstig erwerben.“

Buchstäblich Geld wie Heu, das aber von der Kohle kam

Was bei Johann Nepomuk Reichsgraf von Wilczek nicht notwendig war. Der Mann hatte Geld wie das buchstäbliche Heu, obwohl es von der Kohle kam. „Die Familie hatte in Schlesien neun Schlösser, 5000 Hektar Land und den zweitgrößten Kohleabbau Europas.“

Mit dem Geld tat Wilczek viel Gutes. „Er hat die Wiener Rettungsgesellschaft gegründet, das Rudolfinerhaus, die Universitätsmensa und die erste österreichische Nordpolexpedition finanziert.“ Als Hofkämmerer ging er Franz Joseph mit liberalen katholischen Ansichten auf die Nerven, überließ dem Kaiser aber seine Geliebte, die Hofschauspielerin Katharina Schratt.

Von Geld ist heute keine Rede. „Die Familie hat nach dem Krieg alles in Schlesien verloren“, sagt Hans Christian Wilczek, „und was wir hier im Weinviertel besitzen, macht uns nicht reich.“
Die Burg Kreuzenstein erhält sich selbst durch die Touristen und als Filmlocation. Hier wurden wichtige Szenen aus dem „Vermächtnis der Tempelritter“ (mit Nicolas Cage) und den „Säulen der Erde“ gedreht. 230 Hektar Landwirtschaft und 400 Hektar Wald müssen das sieben Kilometer entfernte, bestehende Schloss Seebarn und die siebenköpfige Familie erhalten. „Es ist ein kleiner Gutsbetrieb, für den die Gebäude viel zu groß sind.“

Das barocke Anwesen kam durch Heirat in die Familie. Der polnische Feldmarschall Heinrich Wilhelm von Wilczek, Streiter gegen die Türken und erster Reichsgraf der Familie, ehelichte 1698 die Gräfin Marie Charlotte von St. Hilaire, die letzte jener Familie, der das Schloss gehörte.
Fast hätten es die Russen zerstört. „Sie haben Bilder zerschnitten, Möbel aus dem Fenster geworfen, Buchseiten als Klopapier benutzt und sind mit den Panzern in den Hof gefahren.“
Der Zustand von Teilen des Schlosses zeugt noch vom Wüten der Sowjetarmee, die vor Frauen nicht haltmachte. „Unsere Köchin ist gerettet worden, weil der Vater das Kind im Keller eingemauert hat.“ Wilczeks Großvater musste mit einem Russen frei stehend auf dem Fensterbrett Wodka trinken, „sonst hätte der das Schloss angezündet.“

Dass Wilczek sich nicht mehr Reichsgraf nennen darf, kränkt ihn nicht. „Mein Vater hat uns sehr streng und leistungsbezogen erzogen. Wir haben immer über die Adeligen gelacht, die sich an ihre Titel geklammert haben. Aber ich gebe schon zu, dass ich in Österreich Menschen vermisse, die wirklich für das Land arbeiten und da sind, statt es zu bestehlen oder zu hintergehen. Das hat es im Adel nicht gegeben.“ www.kreuzenstein.com

HANS CHRISTIAN WILCZEK ...

... wurde am 29. Mai 1967 in Klagenfurt geboren und wuchs auf Schloss Seebarn bei Korneuburg auf. Nach der Matura 1987 an der HTL Hollabrunn absolvierte er noch eine forst- und eine landwirtschaftliche Ausbildung. 1992 heiratete er Katharina von Hartig; die beiden haben fünf Kinder: Anna Lucia (geboren 1993), Camilla (1994), Hans Wenzel (1996), Georg (1995) und Marie (2000).