Experiment in Baden: Pariser Klimaziele im Alltagstest

Ohne Auto, fleischlos und auf kleiner Wohnfläche? 20 Badener Haushalte testeten, wie sie leben müssen, um ihren CO 2 -Ausstoß zu minimieren.

Erstellt am 23. Juni 2021 | 05:44
Conrad Kok
Im Anhänger seines Fahrrads transportiert Klimaexperiment-Teilnehmer Conrad Kok den Einkauf nach Hause – so kann die Familie auf ein Auto verzichten. Vieles wächst jedoch ohnehin schon im Garten des Ehepaares: Kräuter und Gemüse gibt es frisch aus dem Garten.
Foto: privat

In der Einkaufstasche trägt Gudrun Weidhofer nur Bio-Produkte. Fleisch liegt darin wenig. Das kommt bei der Familie selten auf den Tisch. Einzig bei den Paradeisern hat sich die Badnerin für das konventionelle Produkt aus Österreich entschieden. „Aber nur weil die Bio-Version aus Spanien kommt“, erklärt Weidhofer. Die Taschen mit Lebensmitteln transportiert ihr Partner Johannes Bousek mit dem Lastenfahrrad nach Hause. Das hat er gekauft, damit das Auto in der Garage bleiben kann.

Die Familie Weidhofer-Bousek ist eine von 20, die sich am Experiment „Paris-Baden“ beteiligen. Unterschiedliche Haushalte testeten dabei in den vergangenen Wochen, wie sie ihr Verhalten anpassen müssen, um im Kleinen die Pariser Klimaziele zu erreichen. In der EU sollen bis 2050 Treibhausgasemissionen vermieden werden. Nur so könne die Erderwärmung auf 1,5 Grad eingedämmt werden.

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Was sie tun müssen, um klimafreundlicher zu leben, testeten Gudrun Weidhofer und Johannes Bousek mit Sohn Gregor.
privat

„Umgerechnet für jeden Einzelnen bedeutet das, dass pro Tag nur 6,8 Kilo CO 2 verbraucht werden dürfen“, erklärt Projektleiter Gerfried Koch von der Klimamodellregion Baden. Ein Wert, den die Österreicher zuletzt in den 70ern verzeichneten. Mithilfe eines Punktesystems wurde diese schwer greifbare Zahl veranschaulicht: Um Einsparpotenziale in den Bereichen Ernährung, Mobilität oder Wohnen zu ermitteln, wurde der Ausstoß klimawirksamer Gase erfasst und in Punkte umgerechnet.

Verwendet haben die Projektteilnehmer dafür die App „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ – der im Namen ausgegebene Zielwert entspricht den 6,8 Kilo CO 2 -Ausstoß pro Person. Beim Start des Experimentes lag der Durchschnittswert der Familien bei 250 Punkten. „Das ist besser als der Wert eines Durchschnittsbürgers von 450 Punkten, was auch daran liegt, dass die meisten Teilnehmer schon klimabewusst lebten“, erklärt Koch.

„Klimakiller“ im Haushalt gefunden

Bei der Familie Weidhofer-Bousek war das etwas anders. „Wir haben gewusst, dass wir schlecht sind. Wir wollten wissen, wie sehr“, sagt die Jungmama und lacht. Nach vier Wochen des Experiments ist sie überzeugt: Die Bio-Tomaten sollen nicht fliegen. Sie und ihr Mann machen das schon oft genug. „Wir sind beruflich viel unterwegs, und auch privat reisen wir gerne“, erzählt die 35-Jährige. Das Experiment zeigte die Folgen deutlich: „Solange wir fliegen, können wir uns in allen Bereichen noch so sehr bemühen. Die Bilanz ist schlecht.“

Gewohnheiten gefunden, mit denen sie dem Klima schaden, haben auch andere Teilnehmer. Conrad Kok hat dabei die Energiesparberatung geholfen, die wie andere Workshops im Rahmen des Experiments gemacht wurden. „Wir dörren Obst und sind eigentlich davon ausgegangen, dass das umweltfreundlich ist.“ Das Dörrgerät entpuppte sich – wie Weidhofers alter Kühlschrank – aber als Klimakiller. Sein Bewusstsein geschärft hat Kok auch für den Einkauf.

Insgesamt kommt die Familie Kok – ein Zweipersonen-Haushalt – dem großen Ziel schon nahe. Das Paar erreicht zum Ende der einmonatigen Experiment-Phase 120 Punkte. Der Durchschnittswert der Teilnehmer liegt bei 150. „Die 20 Punkte kommen wir aber einfach nicht mehr herunter“, stellt Kok fest. Das ist auch die Erkenntnis, die Projektleiter Koch gewonnen hat: „Wenn wir uns extrem mäßigen, kommen wir an die 100 Punkte heran. Das schaffen aber wenige.“ Deshalb sieht er den Staat in der Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen – damit die Klimaziele bis 2050 erreicht werden können.