Viele Barrieren im öffentlichen Raum beseitigt. Mit Krücken oder Rollstuhl kommt man durchs Land. Probleme sind Bahnhöfe und Gehsteige.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 07. Oktober 2020 (05:22)
Bei zahlreichen Gemeindeämtern wurden in den vergangenen Jahren breite Rollstuhlrampen gebaut.
Shutterstock.com

Die drei Stufen beim Eingang zum Kaffeehaus sind für junge Menschen in den allermeisten Fällen kein Problem. Mit Rollstuhl, Gehstock, aber auch mit dem Kinderwagen sieht das ganz anders aus. Die Gehsteigkante kann dann unüberwindbar werden. Wie viele solcher Hindernisse noch in Niederösterreich lauern, und wie sich der Ausbau der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum entwickelt hat, sah sich die NÖN an.

In dem Bereich ist in den vergangenen Jahren viel passiert, sind sich Seniorenvertreter und Behindertenverbände einig. Bei einigen Punkten orten sie aber noch Nachholbedarf.

Alle Landesgebäude bis 2025 barrierefrei

Die gesetzliche Grundlage wurde vor 15 Jahren geschaffen. Nach einer zehnjährigen Übergangsphase müssen laut Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz seit 2016 alle Geschäfte und Bauten, in denen Dienstleistungen angeboten werden, barrierefrei sein. Die öffentliche Hand ließ sich bei ihren bestehenden Gebäuden etwas länger Zeit: Der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll gab 2015 als Ziel aus, bis 2020 alle Landesgebäude – dazu zählen Schulen, Kliniken oder Kulturgebäude – barrierefrei zu machen.

Ausgangslage waren damals 85 Prozent. Heute sind es, laut dem Leiter der Abteilung Gebäudeverwaltung des Landes, 90 Prozent. „Bis 2025 wird der Bestand der Gebäude des Landes Niederösterreich zu 100 Prozent barrierefrei sein“, sagt Gerhard Tretzmüller, der betont, dass bei Generalsanierungen und Umbauten seit 1990 Barrierefreiheit geschaffen werde.

Umgebaut wurden in den vergangenen Jahren zudem zahlreiche Gemeindeämter. "2017 haben wir mit dem Land eine Finanzsonderaktion „Investitionen in öffentliche Sicherheit und Barrierefreiheit“ ins Leben gerufen. Diese Aktion wurde damals gut angenommen", erzählt Gemeindebund-Präsident Alfred Riedl. 

61 Prozent der Geschäfte in St. Pölten barrierefrei

In der Landeshauptstadt wurde der Fortschritt auch von der Interessensvertretung für Menschen mit Behinderung, ÖZIV, bescheinigt. Diese hat 1.388 Geschäfte in St. Pölten, Eisenstadt, Innsbruck und Salzburg untersucht. Die Traisenstadt sicherte sich mit barrierefreiem Zugang zu 61 Prozent der Geschäfte den ersten Platz. 100 Prozent stufenlose Eingänge erreichte nur der orthopädische Fachhandel. Bei Bank und Post gab es eine Verbesserung auf knapp 83 Prozent. Die Gastro schnitt mit 46 Prozent eher schlecht ab.

Als häufiges Problem werden auch Bahnhöfe genannt. Neben fehlenden Liften zu Bahnsteigen bereitet oftmals der Abstand zwischen Zug und Bahnsteig Schwierigkeiten. Die ÖBB verweisen hier auf einen Etappenplan. "Der Etappenplan wurde erstellt, weil es unmöglich ist, unsere mehr als 1.000 Bahnhöfe und Haltestellen gleichzeitig umzubauen. Das ist schlicht weder finanziell noch logistisch möglich, denn die Projekte sind oft sehr umfangreich und kostenintensiv", erklärt ein Sprecher.

Karte der Bahnhöfe, die bereits barrierefrei sind.
ÖBB

Die 350 größten Bahnhöfe Österreichs sind bereits umgebaut, bis 2026 werden es 500 Bahnhöfe und Haltestellen sein. „Dann stehen mehr als 90 Prozent unserer Kunden barrierefreie Einrichtungen zur Verfügung, schon jetzt sind es mehr als 80 Prozent“, heißt es dort auf NÖN-Nachfrage. Investiert wird dafür rund eine halbe Milliarde.

Weiteres Problem sind Gehsteige. „Hier werden immer noch Hochboards errichtet“, sagt Hannes Sauer vom NÖ-Pensionistenverband.

Barrieren gibt es auch am Fußballplatz

Probleme und Gefahren lauern aber auch an rutschigen Böden in Supermärkten und auf Sportplätzen. Dort hindern die Zuschauertribünen Ältere oder Behinderte daran, sich ein Fußballspiel ansehen zu können.

Möglichkeit der "Schlichtung" wurde kaum genutzt

Kontrolliert wird die Umsetzung der Barrierefreiheit nicht. Werden Bestimmungen missachtet, können Betroffene aber ein Schlichtungsverfahren einleiten. Unter der Leitung des Sozialministeriums findet dann ein Gespräch statt. Kommt es dabei zu keiner Einigung, ist die letzte Möglichkeit eine Schadensersatzklage.

Die Zahl derer, die das nutzen, ist jedoch gering: Österreichweit gab es seit 2016 insgesamt 616 solcher Schlichtungen. In NÖ waren es 55. Für den Obmann des St. Pöltner Club 81 nicht verwunderlich: „Das geht in der Großstadt. Wenn in einem kleinen Ort zwei Rollstuhlfahrer sind, weiß ja jeder sofort, wer das war“, sagt Josef Schoisengeyer.