Wohnen, arbeiten & leben in NÖ in 30 Jahren. 2050 wird es in NÖ lebendige Dörfer geben, Arbeit unabhängig von Zeit und Ort sein, aber für Niedrigqualifizierte kaum zu finden – sagt Zukunftsforscher Matthias Horx.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 28. April 2021 (05:49)
Mit Blick über den Schwechater Flughafen diskutierten Zukunftsforscher Matthias Horx und Landesrat Martin Eichtinger über die Welt – und Niederösterreich – in 30 Jahren.
Lisa Röhrer

Wir schreiben das Jahr 2050. Im Waldviertel und in anderen ländlichen Gebieten, die heute mit einem Bevölkerungsrückgang kämpfen, ist die Abwanderung gestoppt. Auch junge Menschen leben wieder gerne in Dörfern. Zum Teil sogar mit Älteren im selben Haus. Die Frage, ob es dort attraktive Arbeitsplätze gibt, hat sich erübrigt. An einem fixen Ort von 9 bis 17 Uhr arbeitet ohnehin niemand mehr.

So in etwa soll es den Niederösterreichern in 30 Jahren gehen. Zumindest prognostiziert das Zukunftsforscher Matthias Horx, der mit Landesrat Martin Eichtinger (ÖVP) über Wohnen und Arbeiten der Zukunft diskutierte. Er ist überzeugt, dass 2050 nur noch eine „absolute Minderheit“ 40 Stunden pro Woche arbeiten wird. Viele monotone Jobs wird es dann gar nicht mehr geben.

Hier ersetzen Maschinen den Menschen. Für Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen wird es deshalb schwieriger, einen Job zu finden. „Die Supermarkt-Kassiererin ist eine aussterbende Spezies“, nennt Horx ein Beispiel. Die Tätigkeiten werden komplexer, aber auch durchlässiger. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass persönliche Dienstleistungen wichtiger werden.

Leistungsstarkes Internet für Homeoffice essentiell

Für die Arbeitsmarktpolitik ist es, laut Eichtinger, deshalb wichtig, Menschen ihre Talente vor Augen zu führen und Angebote zur Qualifizierung und Weiterbildung zu forcieren. Den Wegfall vieler automatisierbarer Arbeiten will er mit einem Mehr an sozialen Dienstleistungsberufen kompensieren. Die Pflege beispielsweise werde auch in Zukunft gefragt sein. „Da ist es nicht sinnvoll, dass das der Roboter erledigt“, meint Zukunftsforscher Horx.

Damit die Arbeit in 30 Jahren noch stärker unabhängig von fixen Orten und Arbeitszeiten sein kann, muss die Infrastruktur geschaffen werden. Leistungsstarkes Internet ist, wie die Corona-Krise deutlich machte, eine Voraussetzung, dass Menschen zuhause arbeiten können. „Wir brauchen deshalb ein Gesamtkonzept und müssen alle Regionen entwickeln“, meint Eichtinger, der auch die internationale Vernetzung weiter forcieren will.

Der Klimawandel soll auch Gutes bringen

Gleichzeitig werden bis 2050 neue Jobs entstehen. Nicht zuletzt in Folge des Klimawandels. „Wir dürfen das Umwelt-Thema nicht immer als Verlustthema sehen“, sagt Horx. Der Umstieg auf erneuerbare Energien und klimafreundliche Lebensweisen biete auch Chancen.

Um die stark vorangeschrittene Bodenversiegelung zu bremsen, sehen der Umwelt zuliebe einige Menschen den Traum vom Einfamilienhaus im Grünen schon ausgeträumt. Eichtinger glaubt daran nicht. Allerdings werde man darauf achten müssen, Leerstände zu bekämpfen und weniger neue Flächen zu verbauen.

Entstehen sollen zudem Projekte für generationenübergreifendes Wohnen. Junges und Betreutes Wohnen in einem Gebäude. Die alten Menschen werden dann, wie Horx prognostiziert, noch älter sein: „Kinder, die jetzt geboren werden, werden über 100.“

In vielen Bereichen werden wir, wenn der Zukunftsforscher recht behält, auch alte Werte wiederentdecken. So soll etwa die Familie wieder stärker an Bedeutung gewinnen.

Insgesamt wird es „ein humanistisches Zeitalter“, ist Horx überzeugt. Anlass zu dieser Annahme bietet ihm nicht zuletzt die Corona-Krise: „Zum ersten Mal in der Geschichte sind alle Menschen bereit, alles stillzulegen, um Ältere zu schützen“, meint er und nennt das ein „ethisches Upgrade“. Krisen werden bis 2050 noch einige auf uns zukommen, meint Horx. Wie viel in einem solchen Zeitraum passieren kann, verdeutlicht das Beispiel des Internets, das vor 30 Jahren entstanden ist. Seither gab es Entwicklungen, die damals wohl noch niemand für möglich gehalten hätte.