Nußbaumer-Streit: "Nur erkrankte Personen testen". Die Regierung will nach dem aktuellen Lockdown Covid-Massentests bei Teilen der Bevölkerung durchführen. Das halten Experten der Donau-Uni-Krems für "nicht sinnvoll." Das System könnte dadurch noch mehr belastet werden.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 18. November 2020 (12:10)
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Symbolbild
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Die Bundesregierung plant, nach dem aktuellen Lockdown SARS-CoV-2-Massentests in Österreich durchzuführen. Damit sollen Covid-19-Infizierte, aber symptomfreie Menschen erkannt und isoliert werden, damit Infektionsketten unterbrochen werden können.

Die Ergebnisse von zwei Studien des unabhängigen Cochrane-Instituts zeigen aber, dass den Antigen-Schnelltests je nach Qualität 20 bis 70 Prozent der COVID-19-Infizierten entgehen und im Folgeschluss "einmalige Massentests nur eine überschaubare Aussagekraft" haben, heißt es in einer Aussendung von Cochrane Österreich.

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Aussagekraft von Covid-19-Antigentests
Donau Universität Krems

"Massentests in bestimmten Risikogruppen, wie zum Beispiel im Pflegebereich, können durchaus sinnvoll sein. Aber sie müssen regelmäßig durchgeführt werden. Einmalige Massentests an der gesunden Bevölkerung sind fragwürdig.

Die Bevölkerung sollte wissen, dass die Massentests keine komplette Sicherheit bieten und auch negative Effekte haben können", sagt der Epidemiologe Gerald Gartlehner, Direktor von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems.

Regelmäßige Tests und Contact-Tracing

"Es wäre besser, die Ressourcen dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht werden, nämlich für das Testen von erkrankten Personen und das Nachverfolgen ihrer Kontakte. Es ist zu befürchten, dass das System durch Massentests noch mehr belastet wird", sagt Barbara Nußbaumer-Streit, stellvertretende Direktorin von Cochrane Österreich.

Diese Übersichtsarbeit untersuchte die Wirksamkeit von unterschiedlichen Massentests bzw. Screenings (z. B. Labortests, Fiebermessen) zur Eindämmung der Pandemie und zeigte deutlich, dass einmaliges Testen von großen Bevölkerungsgruppen ohne Symptome nicht sinnvoll ist.

Die zweite Übersichtsarbeit untersuchte die Aussagekraft von Schnelltests. Dazu zählen auch Antigentests, wie sie für das Massenscreening angedacht sind. Diese schnitten nicht sonderlich gut ab. Antigen-Schnelltests übersahen 20 bis 70 Prozent der Infizierten je nach Qualität, Verfahren und Umsetzung. 

Temporäre Sicherheit

Berechnungen zu den festgestellten Unsicherheiten von Antigen-Schnelltests zeigen Folgendes: Werden in Österreich beispielsweise fünf Millionen symptomfreie Menschen getestet, dann müssen rund 100.000 Personen aufgrund eines möglichen falsch-positiven Testergebnisses in Isolation. Gleichzeitig werden ca. 6000 asymptomatische, aber infizierte Personen bei einem einmaligen Test übersehen. Sie sind falsch-negativ und können weiterhin andere Personen anstecken.

Diese Berechnung beruht auf Annahmen des MA 15 Gesundheitsdienstes der Stadt Wien bezüglich Qualität der Schnelltests. Nach diesen schlägt der geplante Antigentest bei 20 Prozent der Infizierten nicht an und zwei Prozent bekommen ein falsch-positives Ergebnis.

Basierend auf Infektionsraten bei LehrerInnen in der "Gurgelstudie" des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung wird angenommen, dass 0,6 Prozent der symptomfreien Bevölkerung unwissentlich SARS-CoV-2 in sich tragen, heißt es in der Aussendung.

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