Gerhard Bocek: Der Wirt mit Hang zu Superlativen.

Von Verena Randolf. Erstellt am 19. September 2017 (01:49)
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Gastronom aus Leidenschaft: Gerhard Bocek bewirtet im Marchfelderhof seit sechzig Jahren prominente und weniger prominente Gäste.

Als es im Marchfeld nur Erdäpfel gab, noch keinen Spargel, da wusste Gerhard Bocek, damals noch blutjung, wo ein Acker lag, auf dem ein Bauer das Königsgemüse anbaute. To make a long story short: Das war der Grund, warum seit der Nachkriegszeit die Prominenz in den Marchfelderhof nach Deutsch-Wagram trudelt. Die wollten alle Spargel essen: Burgschauspieler, Politiker, Sänger.

Ein Glücksfall für den jungen Bocek, der schon als Kind, im Alter von neun Jahren, sein Berufsziel recht deutlich vor Augen hatte: „Ich möchte das originellste Restaurant der Welt haben!“, schrieb der Volksschüler in einem Aufsatz und erschütterte damit den Vater, der seit Jahrzehnten das Gasthaus an der Wiener Stadtgrenze führte und dem Buben die Illusionen auf Superlative in der niederösterreichischen Provinz nehmen wollte. Dieser zeigte sich unbeeindruckt, verkündete mit 14 via Anzeige in einer Tageszeitung den eigenen Eltern den neuen Namen des Gasthauses, das jetzt „Marchfelderhof“ und nicht mehr „Bocek“ heißen würde, und dann räumte er das Gerümpel von den Dachböden, um damit die Gaststuben zu dekorieren: Figuren, Geschirr, Statuen, Geigen und Säbel.

"Wir sind beinahe täglich ausgebucht"

Zu dem Plunder von damals ist einiges dazugekommen. „Insgesamt über 29.000 Stück“, erzählt der Gastronom. „Das weiß ich, weil wir die letzten Monate damit verbracht haben, jedes Einzelne für die Versicherung zu zählen.“

Bocek ist leidenschaftlicher Sammler. In dicken Büchern, die er seit knapp sechzig Jahren führt, stehen die Geschichten, die sich im Marchfelderhof zugetragen haben. Wie sich Bruno Kreisky und Karel Schwarzenberg zufällig im Gastraum begegnet sind und wie Liz Taylor bei einem ihrer letzten Besuche in Deutsch Wagram – „vielleicht nicht mehr ganz nüchtern“, wie Bocek einräumt – nach einem ausgiebigen Essen bei ihm am Wohnzimmertisch gestanden und die 4. Sinfonie von Bruckner mit imaginärem Taktstock dirigiert hatte.

Bocek lacht, wenn er davon erzählt, und auch wenn es nach wie vor in erster Linie Prominenz der Nachkriegszeit ist, die sein Restaurant beehrt, denkt der 75-jährige Wirt nicht ans Aufhören. Warum auch? „Wir sind beinahe täglich ausgebucht“, erzählt Bocek. Sein Geheimnis: Er verwöhnt seine Gäste. Wer anlässlich eines Festes einkehrt, bekommt zum Hochzeitstag Handschellen und zum Geburtstag eine Torte mit Sprühkerzen. Nächstes Jahr feiert der Marchfelderhof sein 175-jähriges Bestehen.