Jugend und Corona: Jugendliche besser als ihr Ruf. Das Wiener Neustädter Triebwerk lud junge Menschen, Experten und Expertinnen aus Niederösterreich zur Diskussion ein. Das Thema: die Auswirkungen der Pandemie auf die Jungen.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 06. Dezember 2020 (15:08)
Beim Forum Generation Corona diskutierten (v.l.): Musiker Tim Proy, Moderatorin Stefanie Marek, Jugendforscher Manfred Zentner (obere Reihe) und Jugendstadtrat von Wiener Neustadt Philipp Gruber, Studentin Janine Tremmel und Sozialarbeiterin Martina Gröschl.
Triebwerk Wiener Neustadt

Gern wird mit dem Finger auf „die Jugend“ gezeigt, auf die Jungen, die sich nicht benehmen können, die nur feiern und keine Verantwortung übernehmen wollen, vor allem in Zeiten der Pandemie. Aber stimmt das? Nein, war man sich bei der Online-Diskussion „Generation Corona“ veranstaltet vom Wiener Neustädter Jugend- und Kulturhaus Triebwerk einig. „Man kann einer Gruppe nicht die Schuld zuschieben, das ist unsinnig“, sagte etwa Jugendforscher Manfred Zentner von der Donau-Universität Krems. „Das Problem ist, dass hier ein Generationenkonflikt geschürt wird. Gerade im ersten Lockdown haben junge Menschen extrem großes Engagement gezeigt und viele ältere Personen unterstützt, etwa beim Einkaufen.“   

„Generation Corona“ wird wirtschaftliche Folgen der Krise tragen

Gerade jene, die heute jung sind, würden aber später die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Corona-Krise tragen müssen, so Zentner. Fraglich sei ob die Jungen, oder deren Familien in der Krise auch etwas von diesen Ausgaben, Förderungen und Maßnahmen gehabt haben werden, für die jetzt Geld ausgegeben wird.

„Die Jugend“ zu verurteilen oder alle Jungen in einen Topf zu werfen, davon rät auch Sozialarbeiterin Martina Gröschl von der Wiener Neustädter Jugendberatung Auftrieb ab. Es gäbe sehr viele junge Menschen, die sich an die Maßnahmen halten würden, teilweise auch aus Angst vor Schuldzuweisungen. Panel-Teilnehmerin Janine Tremmel (21) erzählte etwa, genau aus diesem Grund auf ihre Geburtstagsparty im September verzichtet zu haben.

Als Lehramtsstudentin und mit mehreren jüngeren Geschwistern in den verschiedensten Schultypen kritisierte sie in der Diskussion vor allem den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Schule: „Es wäre wichtiger gewesen, sich auf ihre psychische Gesundheit zu konzentrieren. Ob sich der Kalte Krieg in Geschichte heuer noch ausgeht oder nicht, ist wirklich nicht so wichtig.“ Sie sprach außerdem an, dass Lehrer und Lehrerinnen bessere Unterstützung bekommen hätten sollen.

Jugendliche sorgen sich um Eltern

Aber nicht nur die Lehrer, sondern auch die Eltern brauchen Unterstützung. Martina Gröschel berichtet von einer sehr hohen Nachfrage bei Beratungen von Jugendlichen aber auch von deren Eltern, schon über den Sommer, aber vor allem jetzt in der dunklen Jahreszeit. Auch Jugendliche sorgen sich um das Wohlbefinden ihrer Eltern, diese sind oft überfordert, erzählt sie. Es sei wichtig, dass sich auch Eltern Rat und Unterstützung holen. Den Jungen rät sie: „Konzentriert euch auf darauf was ihr machen könnt, nicht auf das, was ihr nicht machen könnt.“ Schon jetzt seien die Auswirkungen der Pandemie bei Jugendlichen spürbar, Schulsozialarbeiterinnen berichten von Verlustängsten, körperlicher Anspannung, Panikattacken und Schlafproblemen.

Musiker Tim Proy (19) weist auch auf Unsicherheit und Konflikte im eigenen Umfeld hin, wenn unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit den Maßnahmen aufeinandertreffen und das ganz altersunabhängig. „Es gibt die, die sagen es ist eh alles wurscht und die, die sich extrem strikt an alles halten. Ich gehe einen Mittelweg und bekomme dann von den einen den Vorwurf, ich würde eine Diktatur unterstützen, wenn ich sage man sollte vielleicht nicht aus derselben Flasche trinken. Von den anderen werde ich, übertrieben gesagt, gleich als Mörder gesehen, wenn ich daraufhin weise, dass einige wenige Leute zu treffen vielleicht auch wichtig für die Psyche ist.“ Er konnte für sich auch viel Positives aus dem Lockdown mitnehmen, „aber langsam reichts“ auch in seinem Freundeskreis.

Soziale Kontakte sind wichtiger als Fortgehen

Die meisten würden laut Studien aber gar nicht so sehr das Fortgehen und Partymachen vermissen, sondern ihre sozialen Kontakte, meint Manfred Zentner. Unter jungen Menschen am stärksten von den sozialen Einschränkungen betroffen sind laut ihm zwei Gruppen. Die 12 bis 14-Jährigen, die sich gerade im Übergang zur Pubertät von den Eltern lösen müssen, sowie die 24- bis 26-Jährigen, die sich gerade gelöst haben, jetzt aber quasi „alleine“ sind. „Gerade in der Pubertät ist es wichtig rauszukommen, mit den Freunden unterwegs und weg von den Eltern zu sein, um auch ein bisschen über die Alten zu schimpfen. Über Online-Meetings geht das nicht, wenn man die Eltern hinter sich stehen hat“, schmunzelt Zentner.

 „Jugendliche leben im Moment, sie wollen die Dinge jetzt tun und haben ein anderes Verhältnis zu Zeit“, sagt Martina Gröschl. Das würde viel Unsicherheit und Frust, Ermüdung und Ängste bei jungen Menschen befeuern, vor allem bei jenen, die sich nicht in einer privilegierten Situation befinden. „Manche empfinden es als Erleichterung nicht in die Schule zu gehen, wenn sie gemobbt werden, anderen fehlt die Tagesstruktur und die Schule als Schutzort, weil sie zuhause Gewalt erleben“, so Gröschl.

Junge weniger anfällig für Verschwörungstheorien

Wegen ihrer digitalen Medienkompetenz sieht Manfred Zentner Jugendliche als weniger gefährdet auf Verschwörungstheorien oder Fake News hereinzufallen. Die Zielgruppe liege da eher bei den Älteren, 45 aufwärts. Das Problem sei allerdings, dass Jugendliche, wenn sie einmal in einer „bubble“ zu Verschwörungstheorien sind auch diejenigen sind, die dazu beitragen, dass diese schnell verbreitet werden, so der Jugendforscher.

Die Online-Diskussion zum Nachschauen gibt es hier auch auf Youtube: