Als Niederösterreich und Wien getrennte Wege gingen

Erstellt am 22. Juni 2022 | 01:11
Lesezeit: 5 Min
Landesregierungsgebäude am Minoritenplatz in Wien
Bis 1918 war Wien die Hauptstadt des Kronlandes Niederösterreich. Hier eine Ansicht der beiden Landesregierungsgebäude am Minoritenplatz in Wien.
Foto: Aus dem Buch „Das Bundesland Niederösterreich: 1920-1930“ von der NÖ Landesregierung
Am 29. Dezember 1921 war es so weit: Das Trennungsgesetz wurde beschlossen und trat schon drei Tage später in Kraft.
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Die Geburt Niederösterreichs findet statt, als ein riesiges Reich zu Ende geht: 1918 war die Habsburgermonarchie zusammen gebrochen. Der kleine, deutschsprachige Rest der Monarchie wird zu „Österreich“. Rund die Hälfte der Bewohner des Landes leben in Niederösterreich und Wien, die damals ein Land bilden. Dieses riesige Land ist eine Belastung für das Staatsgefüge. Und auch intern brodeln Konflikte.

Die Stadt Wien und das niederösterreichische Umland waren durch Jahrhunderte verbunden gewesen. Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich Wien als Hauptort der jeweils herrschenden Dynastie entwickelt, schon die Babenberger hatten Wien zum Sitz ihrer Herrschaft gemacht. In den Jahrhunderten der habsburgischen Herrschaft wuchs die Stadt zur Weltmetropole. Bis 1918 war Wien so- wohl Haupt- und Residenzstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie als auch Hauptstadt des Kronlandes Niederösterreich.

Die Macht der Stadtgewaltigen war aber beschränkt: Der Wiener Gemeinderat war in vielen Fragen von der Zustimmung des Niederösterreichischen Landtages abhängig. Das 19. Jahrhundert brachte Wien ein bis dahin ungeahntes Wachstum. Weil die Vororte immer größer wurden und immer mehr mit der Stadt zusammenwuchsen, mussten die Grenzen der Stadt immer wieder neu gezogen werden. 1892 wuchs Wien durch die Eingemeindung der Wiener Vororte als Bezirke 11 bis 19, 1904 folgte Floridsdorf. Die Stadt war damals „schwarz“: Es regierte der populäre, christlich-soziale Bürgermeister Karl Lueger, der kommunalpolitisch viel voranbrachte, als bekennender Antisemit aber auch einer der Lehrmeister des jungen Adolf Hitler sein sollte.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie änderte sich alles: 1918/19, nach dem Schock des Krieges und mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts, kamen in der Stadt Wien die Sozialdemokraten an die Macht: Sie drängten auf massive soziale Reformen zugunsten der Mehrheit der armen Bewohner der Stadt. Dieser Machtwechsel war auch für die mehrheitlich konservativ wählenden Bewohnerinnen und Bewohner des Umlandes von Bedeutung: Wien war ein Teil Niederösterreichs und in diesem Wien-Niederösterreich lebten 1918 rund 3,3 Millionen Einwohner – das waren 54,6 Prozent der österreichischen Bevölkerung.

Der erste Landeshauptmann – ein „Roter“

Im Mai 1919 fanden die ersten demokratischen Wahlen zum Niederösterreichischen Landtag und zum Wiener Gemeinderat statt. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei errang sowohl im Wiener Gemeinderat wie auch im Niederösterreichischen Landtag die Mehrheit, der Sozialdemokrat Albert Sever wurde Landeshauptmann. Für das politische Gefüge bedeutete das Ergebnis Sprengstoff: Die Christlichsozialen vom Land wollten die rote Übermacht nicht akzeptieren und trieben die Trennung voran. Unterschiedliche Interessen gab es aber in beiden Parteien: Die Wiener „Schwarzen“ fürchteten im Fall einer Trennung ebenso um ihren Einfluss wie die „Roten“ am Land. 

Eine neue Verfassung war in Vorbereitung, auch die anderen Bundesländer drängten nun darauf, den übermäßigen Einfluss von Niederösterreich mit Wien im Bundesrat zu beschränken. Als der Verfassungsentwurf vorlag, beschleunigten sich die Ereignisse. Zunächst hatte man eine typisch österreichische Kompromisslösung im Auge: zwei Bundesländer, aber drei Landtage – ein niederösterreichischer, ein Wiener und ein gemeinsamer.

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Karikatur aus der Zeit der Trennung Wiens von Niederösterreich.
Foto: Wienbibliothek im Rathaus/OTS/Picturedesk.com

Doch 1920 ging die Zusammenarbeit zwischen Rot und Schwarz auf Bundesebene zu Ende. Die Christlichsozialen übernahmen die Regierungsgeschäfte, die Sozialdemokraten waren in Opposition. Nun schien eine klare Trennung doch sinnvoller.

Die Gütertrennung

Die Verhandlungen bis zum Abschluss des Trennungsgesetzes zogen sich über Monate. Am 29. Dezember 1921 war es dann so weit: Das Trennungsgesetz wurde beschlossen und trat schon drei Tage später in Kraft.

Wien und Niederösterreich hatten sowohl Gewinne als auch Einbußen zu verzeichnen: Wien war nun unabhängig von Niederösterreich, konnte aber im Zuge der Verhandlungen sein Territorium nicht vergrößern, was wirtschaftliche Entwicklungen behinderte.

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Ein historischer Ort für ganz Österreich: der Landtags-Sitzungssaal in der Wiener Herrengasse.
Foto: Aus dem Buch „Das Bundesland Niederösterreich: 1920-1930“ von der NÖ Landesregierung.

Auch Niederösterreich hatte nun seine angestrebte Unabhängigkeit, das Bundesland stand aber durch den Entfall der Steuerleistungen von Wien vor großen finanziellen Problemen. Es kam zur „Gütertrennung“. Zahlreiche Landesanstalten und Liegenschaften, darunter Kinderheime, Lehranstalten, Erziehungsheime und Schulen, wurden aufgeteilt, ein Hotelgrund in Mariazell fiel an Niederösterreich, das Seehospiz in Lussingrande (heute Kroatien) ging an Wien. Bei manchen Dingen ging es auch darum, wer sie nicht wollte: Die defizitären niederösterreichischen Landesbahnen wollte keiner der beiden. So gingen sie auf den letzten Metern der Trennungsverhandlungen an den Bund.

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Die Heil-und Pflegeanstalt Mauer-Öhling wurde nach der Trennung ausgebaut.
Foto: Aus dem Buch „Das Bundesland Niederösterreich: 1920-1930“ von der NÖ Landesregierung.

Die finanziellen Verhältnisse machten es für das junge Niederösterreich ohnehin schwer. Während im „Roten Wien“ viel Geld in dringend benötigte Verbesserungen für die arbeitende Bevölkerung investiert werden konnte, rangen die industriellen Landgemeinden um das notwendige Geld. Dazu kam, dass das Land in vielen Fällen seine eigene Infrastruktur stärken musste: So mangelte es zum Beispiel an Spitälern, gleichzeitig lag die Industrie am Boden. Der Krieg hatte im Industrieviertel zu einer aufgeblähten Rüstungsindustrie geführt, die nun mühsam auf „Friedensproduktion“ umgestellt werden musste. Erst in den 1930er Jahren kam es zu einer Reform der Aufteilung der Finanzmittel, die es für das junge Bundesland etwas leichter machte.

Landeshauptstadt St. Pölten

Was blieb, war die gemeinsame Hauptstadt: Bis lange in die Zweite Republik blieb Wien das Zentrum der niederösterreichischen Landesverwaltung. Die niederösterreichischen Beamten lebten in Wien und zahlten dort auch ihre Steuern. Das war mit ein Grund, warum in den 1980er Jahren die Debatte um eine eigene Hauptstadt neu auflebte.

Als St. Pölten 1986 zur Landeshauptstadt wurde, änderte sich auch der Sitz des Landtages und der Landesregierung. Wien war sich des Verlusts bewusst und bot vorübergehend sogar eine „Vatikanlösung“ für Niederösterreich an, bei der ein Teil des 1. Bezirks quasi zum „exterritorialen Gebiet“ geworden wäre. Doch der Wille, den letzten Schritt zu vollziehen, war stärker. Noch einmal waren damals Eigentumsfragen von Bedeutung. Wien verzichtete bei der Umsiedlung darauf, das Landhaus käuflich zu erwerben und erhielt stattdessen unter anderem bisherige Eigentumsanteile des Landes Niederösterreich an der Donauinsel Nord und an beiden Donauufern.

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