Wolf-Dieter Ludwig: „Vieles versäumt bei Impfstudien“. Wolf-Dieter Ludwig, ein Mitglied der EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur), im NÖN-Interview über Impf-Nebenwirkungen, Erwartungshaltungen und Kommunikation.

Von Gudula Walterskirchen. Erstellt am 16. März 2021 (06:48)
Professor Wolf-Dieter Ludwig.
Professor Wolf-Dieter Ludwig.
Thomas Oberländer/ HeliosKliniken

NÖN: Es gab einige dramatische Fälle nach Impfungen mit AstraZeneca, davon zwei in Zwettl. Was bedeutet das für die EMA?

Ludwig: Man muss diese tragischen Ereignisse sehr gründlich analysieren. Der Ausschuss für Risikobewertung von Arzneimitteln und Impfstoffen der EMA geht davon aus, dass aufgrund der derzeit vorliegenden Daten kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gerinnungsstörung und Impfung besteht. Ohne Zweifel handelt es sich aber um ein sehr ernst zu nehmendes Sicherheitssignal. Die betroffene Charge zunächst nicht weiter zu verimpfen, halte ich für richtig. Länder wie Dänemark, Norwegen und Island haben die Impfung mit AstraZeneca generell für zwei Wochen ausgesetzt. Eine weitere mögliche Nebenwirkung der Impfung ist die Verminderung von Blutplättchen, die zu einer verstärkten Blutungsneigung führen kann. Alle unter der Impfung jetzt auftretenden Gerinnungs- oder Blutungsneigungen müssen von den behandelnden Ärzten unbedingt gemeldet und umgehend bewertet werden. Aufgrund der relativ kurzen Nachbeobachtung der bisher zugelassenen Impfstoffe ist die Überwachung der Sicherheit und gründliche Bewertung aller gehäuft auftretenden Nebenwirkungen von größter Bedeutung.

Wie beurteilen Sie die Vorfälle?

Ludwig: Ich denke, dass man nicht ableiten kann, dass ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 gehäuft Thrombosen oder Embolien hervorruft. Dies hätte bereits in den klinischen Studien auffallen müssen. Leider wissen wir nicht, ob die in Österreich und anderen Ländern von Thromboembolien betroffenen Menschen bereits infiziert waren. Es ist sicher ein Manko, dass in den klinischen Studien zu den drei Impfstoffen versäumt wurde, alle Probanden mittels PCR und Antikörper dahingehend zu untersuchen. Dass COVID-19 mit einem erhöhten Thromboserisiko einhergeht, ist bereits länger bekannt, da diese Erkrankung generell Entzündungen vor allem in der Lunge, aber auch der Gefäßwände verursachen kann. Und wenn Sie dann impfen und eine Verstärkung der Antikörperantwort bewirken, dann kann sich auch ein entzündlicher Prozess verschärfen. So etwas ist ja in seltenen Fällen schon beschrieben worden.

Die Studien sind ja noch nicht abgeschlossen, die Hersteller müssen noch Daten nachliefern. Wie will man eigentlich zu großen Datenmengen kommen, um dann auch seltene Nebenwirkungen auszuschließen?

Ludwig: Leider ist es sowohl in Österreich als auch in Deutschland versäumt worden, während der jetzt begonnenen Impfkampagne Kohortenstudien durchzuführen, um mehr Erkenntnisse in Bezug auf Wirksamkeit, Sicherheit und Immunogenität der Impfstoffe zu erhalten. Dies wäre eine wichtige Aufgabe der Gesundheitspolitiker gewesen, die leider diesbezüglich untätig waren.

Von der Politik wird ein großer Erwartungsdruck aufgebaut, dass man nur durch das Impfen wieder ein normales Leben führen wird.

Ludwig: Wir sollten mit Prognosen, wie „Im Sommer werden wir durch die Impfungen eine Herdenimmunität erreichen“, sehr vorsichtig sein. Wenn wir zum Ende des Jahres 60 bis 80 Prozent Durchimpfung haben, können wir froh sein. Außerdem wissen wir immer noch nicht definitiv, ob die Geimpften das Virus weitergeben können oder nicht. Ich hätte mir in diesem Zusammenhang eine bessere Kommunikation gewünscht zu dem, was Impfstoffe leisten können und was nicht. Diese Transparenz wäre auch Voraussetzung gewesen, um die Impfbereitschaft zu verbessern. Ich habe in Österreich mehrere Interviews im Fernsehen gegeben und war erstaunt, dass kritische Aussagen zur Impfung – zumindest in einer Sendung des ORF – nicht erwünscht waren und nicht gesendet wurden.

Im Fall von Zwettl wurde den Mitarbeitern des Krankenhauses vor den tragischen Vorfällen gesagt, AstraZeneca sei ein sehr sicherer Impfstoff. Können Sie verstehen, dass die Menschen da das Vertrauen verlieren?

Ludwig: Das kann ich gut verstehen. Die Leute wollen keine Beschwichtigungen und „Alles-ist-gut“-Parolen, sondern sie wünschen sich eine offene Kommunikation, die vorhandene Unsicherheiten im Zusammenhang mit COVID-19 und Impfungen nicht verschweigt. Dieses Vorgehen würde das Vertrauen in die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, aber auch die Impfbereitschaft sicherlich stärken.