Maria Hengstberger: „Ich höre niemals auf!“. Seit 1989 hilft Gynäkologin Maria Hengstberger Frauen mit der „Aktion Regen“. Am 2. August wird sie 80 Jahre alt.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 30. Juli 2021 (05:18)
Maria Hengstberger
Maria Hengstberger mit dem „Warum-Familienplanung“-Tool, einem Handschuh, der den Sinn gezielter Familienplanung demonstrieren soll.
Rita Newmann; Alena Menshikova/Shutterstock.com

„Sehen, denken, handeln“ ist Maria Hengstbergers Lebensmotto. Am 2. August wird die Gynäkologin 80 Jahre alt – und blickt auf ein mehr als erfülltes Leben zurück. Ein Leben im Dienste der Entwicklungshilfe. Und hätte man Maria Hengstberger nicht vor sich sitzen, würde man hinter ihrem Tatendrang eine junge Frau vermuten, die gerade ihr Leben plant.

Aufgewachsen im Mostviertel, habe sie mit etwa 16 Jahren eine kleine Lebenskrise gehabt, erzählt Hengstberger. Sie habe nicht verstanden, warum unter Hitler so viele Menschen sterben mussten und Gott das zulässt. Ein Kaplan habe ihr dann gesagt: „Schau, die Nazis haben sechs Millionen Menschen umgebracht. Wenn du in die Entwicklungshilfe gehst, kannst du genau so viele Menschen retten.“

„Die Menschen sollen sich selbst helfen können. Das ist auch Fluchtprävention im eigenen Land“ Maria Hengstberger

Mit 19 lernte sie ihren späteren Mann Herbert kennen, „und ich sagte dann zu ihm, dass das mit dem Heiraten nichts werden wird, weil ich in die Entwicklungshilfe gehen möchte. Da sagte er zu mir: Na das will ich auch. Also waren wir schon zwei.“ Und so wurde nach dem Medizinstudium geheiratet. Als die Tochter groß genug war, ging Hengstberger in ihrer privaten Urlaubszeit mit ihrem Mann, einem Chemiker, auf ihre ersten Afrika-Einsätze. Mit dem Ziel, durch Wissen und Aufklärung Freiheit zu schaffen. Ziele hat sie sich immer gesetzt: „Wenn man ein Ziel hat, dann saugt einen das an.“ Dann könne man alles erreichen.

Von Mexiko über Indien bis Afrika - überall initiierte sie Entwicklungshilfe-Projekte. Und da lag ihr, der Gynäkologin, die Selbstbestimmung der Frauen besonders am Herzen. „Eine Frau, die 15 Kinder hat, kann ihr Leben nicht mehr selbst bestimmen.“ Da mangle es an allem: an Platz, an Geld, an Bildung. Und auch an Liebe, weil die Sorgen, das tägliche Leben zu bewältigen, jede Entwicklung unter einem Berg an Sorgen ersticken.

Also ging sie daran, den Frauen zu erklären, wie Familienplanung funktioniert. „Drei Kinder können sie ernähren, sie zur Schule schicken. Dann haben sie genug Platz zum Wohnen und keine Probleme in der Beziehung, weil der Mann seine Familie ernähren kann. Mit zehn Kindern geht das nicht.“

Hengstberger entwarf eine „Zykluskette“ aus verschiedenfarbigen Perlen, an der die Frauen ihre voraussichtlich fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ablesen können. Später kam eine Vulva aus blauem Stoff dazu. Damit wollte Hengstberger die drastischen Folgen der Genitalverstümmelung demonstrieren. „Die wollten die Frauen zuerst gar nicht angreifen, da habe ich ihnen gesagt: Das ist ein Organ wie das Ohr. Und wenn du da eine Verletzung hast, dann lässt du das ja auch behandeln. Ich wollte zeigen, welche Funktion die Klitoris hat, dass man sie nicht einfach abschneiden kann – genauso wenig, wie man einfach die Nase oder das Ohr abschneiden oder das Herz rausnehmen kann – weil die Klitoris ein Organ ist und die Entfernung und Beschädigung massive, lebensbedrohliche Auswirkungen hat.“

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2006 präsentierte Maria Hengstberger dem damaligen Landeshauptmann Erwin Pröll ihre „Zykluskette“.
privat, privat

Um ihre Pläne verwirklichen zu können und ihre Organisation „Aktion Regen“ aufbauen zu können, hat Hengstberger nie gescheut, Menschen auf kreative Weise um Spenden zu ersuchen. Und die Politik. Über Niederösterreich spricht sie in höchsten Tönen. „Ich habe mich 2006 mit Erwin Pröll getroffen. Er war von meiner Zykluskette begeistert.“ Und Pröll gab Geld, mit dem eine Klinik in Ruanda finanziert wurde. Später kamen die „Rain Workers“ dazu: Mitarbeiter aus den afrikanischen Projektländern, die mit den von Hengstberger entwickelten Tools als Bildungs-Multiplikatoren agieren. Die den Menschen die Zykluskette erklären, über Familienplanung sprechen und auch über Krankheiten wie HIV. Auch die Rotarier und die Soroptimistinnen konnte Hengstberger als Sponsoren ins Boot holen. „Ich brauche ja Organisationen, die meine Mitarbeiter finanzieren.“

„Uns soll es irgendwann gar nicht mehr geben müssen“ , erklärt die engagierte Medizinerin die Idee hinter den Rain Workers. „Die Menschen sollen sich selbst helfen können. Das ist auch Fluchtprävention im eigenen Land“, spielt sie auf die Flüchtlingsdebatte an.

Fährt sie heute noch nach Afrika? „Nein, ich habe nie im Leben etwas umsonst gemacht. Meine Mitarbeiter dort betreuen das bestens, ich muss dort nicht mehr hin. Diesen Sommer, Juli und August sind meine Generalsekretärin Ines Kohl und die tolle Trainerin Margarete Bachlechner auf Projektreise in Kenia unterwegs – endlich, erstmals seit der Corona-Pandemie.“

Heute lebt Hengstberger mit ihrem Mann und zwei Hunden in der Nähe vovon St. Pölten. Wie sie ihren 80. Geburtstag feiern wird? „Ich werde im Garten sitzen und meinen Mann fragen, ob er etwas braucht“, schmunzelt sie, „ich bin keine Freundin großer Feiern.“