Erstellt am 27. April 2015, 15:58

von Karin Katona

Vom Kirchturm hing eine weiße Fahne. Zwei Zeitzeugen aus dem Bezirk haben der NÖN ihre Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen geschildert.

Ignaz Zöchbauer aus Furth-Wasen hat seine Erlebnisse von Kindheit an aufgeschrieben - heute ein wichtiges Zeitdokument.  |  NOEN, Foto: Gerhard Rötzer
Als neunjähriger Bub hat Ignaz Zöchbauer in den letzten Kriegstagen 1945 an seinem Elternhaus in Furth (Wieselburg-Land) abrückende deutsche und einmarschierende russische Soldaten vorbeiziehen sehen. Schon damals hat der heute 79-Jährige Tagebuch geführt und liest vor: „Am Sonntag, den 13. Mai, sind die Russen nach Oberndorf gekommen. In jedem Haus wurde ein Leintuch als weiße Fahne aus dem Fenster gehängt.“

In den ersten Tagen hätten die russischen Soldaten viel gestohlen. „Die Russen waren sehr kinderfreundlich, haben uns Süßigkeiten geschenkt. Nüchtern waren sie harmlos, aber betrunken waren sie unberechenbar.“

Walter Leitner aus Purgstall war am 7. Mai zusammen mit anderen Soldaten von seinem deutschen Kommandanten in Erlauf abgesetzt worden. „Als ich um sechs Uhr früh in Purgstall ankam, sind in der Feichsenallee sieben deutsche Panzer gestanden, die den Abwehrkampf gegen die russischen Truppen führen sollten.“

„Ein unbekannter deutscher Soldat
ist von den Russen erschossen worden."
Walter Leitner, Purgstall

Mittags habe der deutsche Kommandant noch Auszeichnungen an seine Soldaten verteilt, dann seien die Panzer abgezogen: „Wo sie geblieben sind, haben wir nie erfahren.“ Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags seien dann russische Panzer in Purgstall eingefahren, gefolgt von Marschtruppen. „Gemeinsam mit Franz und Hermann Kramml bin ich auf den Kirchturm hinaufgestiegen und habe eine weiße Fahne gehisst.“

Zu einem bangen Moment sei es gekommen, als der örtliche Gendarmeriekommandant in voller Uniform dem Panzer entgegengetreten sei: „Der Russe ist aus dem Panzer gestiegen, hat dem Gendarmen das Bajonett abgenommen, es im Kanalgitter verbogen und weggeworfen. Getan hat er ihm nichts.“

Ein unbekannter deutscher Soldat, der allein unterwegs war, sei jedoch von den russischen Truppen erschossen worden: „Wir haben niemals erfahren, wer er war. Er ist auf dem Purgstaller Friedhof begraben worden.“ Die Frauen und Mädchen litten besonders unter den Besatzern: „Viele haben sich versteckt, andere sind vergewaltigt worden. Es war eine schreckliche Zeit.“

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