Von der Kunstgalerie in den Wald. Die Arbeit im Forst ist noch immer eine Männerdomäne. Staatspreisträgerin Sandra Tuider aus Thernberg zeigt aber, dass nicht das Geschlecht, sondern Fachwissen zählt.

Erstellt am 30. September 2017 (06:55)
privat
Das Leben und Arbeiten in freier Natur möchte Sandra Tuider, die früher Kunstausstellungen organisierte, nicht mehr missen.

400 Hektar umfasst der Forstbetrieb Tuider. An seiner Spitze steht eine Frau: Sandra Tuider.

Eigentlich ist sie ja gelernte Kunsthistorikerin und jettete quer über den Globus von einer Kunstmesse zur anderen. Ihr Schwerpunkt: zeitgenössische Kunst – von Alfred Hrdlicka bis Christian Ludwig Attersee. Neun Jahre lang. Ihr Leben aus dem Koffer beschloss sie zu beenden, als sie 1999 die Möglichkeit erhielt, den familieneigenen Forstbetrieb in Thernberg im Bezirk Neunkirchen zu übernehmen.

„Mittlerweile fragen mich immer mehr männliche Kollegen um meinen Rat.“Sandra Tuider hat in der Forstszene einen guten Ruf.

„Mein Vater ist in Pension gegangen und hat mich gefragt, ob ich denn nicht den Betrieb weiterführen wolle. Der Wechsel von der Kunstgalerie in die freie Natur ist mir nicht schwer gefallen“, erinnert sie sich. Sie absolvierte in Warth die Ausbildung zur Forstfacharbeiterin und kurz darauf zur Forstwirtschaftsmeisterin. Nicht mehr Gemälde, sondern forstwirtschaftliche Maschinen wie Motorsägen waren von nun an ihre Begleiter. Weiteres Fachwissen und Praxis sammelte sie in den landwirtschaftlichen Schulen in Hohenlehen und Zwettl.

„Ich habe mich in die neue, zu meinem bisherigen Berufs leben total konträre Materie richtig reingegraben“, erzählt sie. Mit Erfolg: Die Ausbildung schaffte sie mit Bravour. Mittlerweile unterrichtet sie selbst an der landwirtschaftlichen Fachschule in Warth.

privat
Die Thernbergerin packt auch bei Maschinen an. Hier transportiert sie Rundholz, sogenanntes Blochholz, aus dem Wald.

Das Försterleben von heute ist aber bei weitem nicht die Idylle, die oft in Heimatfilmen vergangener Zeiten gezeigt wurde. „Ich bin sehr viel, aber nicht nur im Wald“, sagt sie. Mehrere Stunden täglich verbringt die Unternehmerin für ihre Firma „Wald“ in ihrem Büro vor dem PC und erledigt die Buchhaltung, Lohnverrechnung, hält Kontakt zu den holzverarbeitenden Firmen und kümmert sich um den täglichen Dienstbetrieb. Allein.

Tuider delegiert als Chefin im eigenen Forstbetrieb aber nicht nur vom Bürotisch aus. Sehr wohl ist sie eine Praktikerin und jeden Tag mit dem Geländewagen, aber auch viele Strecken, durchaus im Steilgelände, zu Fuß im Forst unterwegs, um Schäden durch Unwetter, Borkenkäfer oder Wildverbiss zu kontrollieren. Es gilt, sich ein Lagebild zu machen, wo als nächstes Arbeiten – von der Schlägerung bis hin zu Pflegemaßnahmen – vorzunehmen sind.

Holz- und Forstarbeit ist noch immer Männersache. „Eine Frau als Dienstgeberin anzunehmen, war am Anfang für einige Männer doch etwas ungewöhnlich. Sie waren eher reserviert mir gegenüber“, berichtet sie. Doch diese Zeiten sind längst passé. Die 45-Jährige hat ihren „Mann gestanden“, auch innerhalb der Försterkollegen.

Tuider will als Frau keine Sonderstellung

„Mittlerweile fragen mich immer mehr um meinen Rat“, freut sie sich, nun einen guten Draht zu den Herren im Geschäft gefunden zu haben und dass ihr Fachwissen in der Szene Anerkennung findet. Der oft etwas raue Umgangston ist für sie heute kein Problem mehr. „Daran habe ich mich jetzt schon gewöhnt. Männer reden so untereinander“, meint sie. Extrawürste möchte sie daher nicht. Und auf den Mund gefallen ist sie ja auch nicht. Arbeit im Wald ist nicht ungefährlich. Angst vor einem Forstunfall hat sie nicht. „Ich lege stets großen Wert auf entsprechende Sicherheitsbekleidung“, betont sie.

Ihr Wald, ein Mischwald, kann sich sehen lassen. Tuider wurde 2015 der Staatspreis für beispielhafte Waldwirtschaft verliehen. Nicht genug: Für die Arbeit in der Kooperation der Wegegenossenschaft bekommt sie Ende September in der Sonderkategorie „Kooperation“ den Staatspreis verliehen. „Das ist schon etwas ganz Besonderes, wenn man diesen Preis zwei Mal erhält“, stellt sie stolz fest.

privat
Sandra Tuider ist Staatspreisträgerin für ihre hervorragende Waldbewirtschaftung. Auch heuer wird sie wieder ausgezeichnet.

Durch eine Vielfalt an Baumarten besticht ihr Forst. „Die Universität für Bodenkultur Wien nimmt derzeit eine Studie in meinem Wald über 16 verschiedene Baumarten in verschiedensten Altersklassen vor“, sagt sie. Nachhaltige Forstbewirtschaftung ist ihr dabei ein besonderes Anliegen. Der Wald soll sich selbst verjüngen. Sie setzt auf Zusammenarbeit mit Sägewerken, Tischlereien und der Papierindustrie möglichst aus der Region, „um die Transportwege kurz zu halten“, wie sie betont.

Zur Forstwirtschaft gehört die Jagd. Auch hier setzt sie auf gezielte Bejagung für einen ausgeglichenen, gesunden Wildbestand. Empfiehlt sie anderen Frauen, Försterin zu werden? „Das kommt ganz auf den Typ Frau an. Man braucht Liebe zur Natur, eine gute körperliche Konstitution und Durchsetzungsvermögen“, erklärt sie. Dann kann Försterin zum schönsten Job der Welt werden.

Weitere spannende Artikel findet ihr im aktuellen NÖN-Extra "Das beste vom Land"