Rathkolb: „Corona ist Krise, 1945 war Katastrophe“. Über die letzten Kriegstage in Niederösterreich und die schwere Zeit danach sprach die NÖN mit Historiker Oliver Rathkolb.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 06. Mai 2020 (05:43)
Oliver Rathkolb: „Ökonomisch hatte NÖ einen Start-Nachteil.“
Matthias Cremer

NÖN: In Erlauf schütteln einander am 8. Mai 1945 ein US- und ein Sowjet-General zur Feier des Kriegsendes die Hände. Wie erlebten die Menschen generell in NÖ diese Zeit?

Oliver Rathkolb: Auf der einen Seite erinnern wir heute an dieses Treffen. Was wir aber gerne vergessen, ist, dass im April noch blutigst gekämpft wird. Es werden noch viele Kriegsverbrechen von SS- und anderen deutschen Einheiten verübt. Die Menschen sind mit dem Überleben beschäftigt.

Und dann?

Das, was die Menschen in NÖ am stärksten betrifft, ist das Verhalten von Soldaten der Roten Armee. Auf der einen Seite ein Befreiungsgefühl nach dem nationalsozialistischen Terror, Weltkrieg und dem Holocaust. Gleichzeitig beginnen Alkoholismus, Vergewaltigungen, Plünderungen. Das zentrale Problem ist die Ernährung. Außerdem gibt es Seuchen. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl der Befreiung. Man versucht, sich den Alltag zu organisieren. Heute haben wir mit der Corona-Pandemie eine schwere Krise. Aber 1945 ist die Katastrophe.

Wann hat sich die Lage gebessert?

Rathkolb: Der wirkliche Aufbruch beginnt erst 1947/48 mit der Verkündung des Marshall-Plans. Da gibt es so etwas wie eine Zukunftsperspektive. Aber noch 1950 sind Inflation und Löhne so weit auseinander, dass es auch in NÖ zu Massendemonstrationen kommt – unterstützt von der KPÖ. Für NÖ war auch ein belastender Faktor, dass ab 1946 die Sowjetunion das „Deutsche Eigentum“, dazu gehören Erdölquellen im Weinviertel oder Betriebe südlich von Wien, unter ihre Kontrolle, die USIA-Verwaltung, stellt.

NÖ war also im Nachteil gegenüber dem Westen des Landes?

Rathkolb: Ja. NÖ bekommt, weil es in der sowjetischen Zone liegt, nur geringe Marshall-Plan-Mittel. Dadurch gibt es ein ökonomisches Ungleichgewicht zwischen West- und Ostösterreich. Nach 1955 startet die Große Koalition ein erfolgreiches Investitionsverfahren für NÖ.

Glauben Sie, dass die Besatzungszeit NÖ geprägt hat – anders als die westlichen Länder?

Rathkolb: Es sind andere Erfahrungen. In NÖ ist die negative Erinnerung an 1945 und Vergewaltigungen stärker. In Westösterreich ist die Ablehnung der amerikanischen Administration später aber fast größer.

Sie haben vorher die Verbrechen der Zeit bis 1945 angesprochen. Ist die Geschichte in dem Bereich mittlerweile aufgearbeitet?

Rathkolb: Es gibt gerade im regionalen Bereich immer wieder Lücken. Das Wichtigste ist es, die kritische Geschichtsaufarbeitung und die historischen Erinnerungen wieder zurück in die Ursprungsorte zu bringen.

Ist mittlerweile im Bewusstsein, was damals passiert ist?

Rathkolb: Ich glaube, dass das Bewusstsein deutlich größer geworden ist. Wichtig ist hier, dass man immer den Gesamtzusammenhang zeigt und auch bisher vergessene Gruppen wie Euthanasie-Opfer oder Homosexuelle in Erinnerung ruft.

Etwa mit Gedenkveranstaltungen?

Rathkolb: Ich glaube schon. Einerseits geht’s dabei um die Geschichte der Opfer. Umfragen zeigen aber auch, dass Menschen, die ein kritischeres Bewusstsein für Geschichte von Diktaturen haben, aktivere und bewusstere Demokraten sind. Gerade in Zeiten von Corona, wo autoritäre Maßnahmen durch Einschränkung der Grundrechte ergriffen werden müssen, um Leben zu retten, ist es wichtig, die Flamme der Demokratie am Flackern zu halten.

Wir haben gerade das 75. Gründungsjubiläum der Zweiten Republik gefeiert. Sind die Ziele der Gründerväter heute erfüllt?

Rathkolb: Das zentrale Ziel der Erklärung vom 27. April ist die Unabhängigkeit von Deutschland. Das ist gelungen. Seit den 60ern steigt die österreichische Identität. Aber ich glaube, 1945 konnte sich niemand diese Turbo-Globalisierung vorstellen, in der wir heute leben. Das ist heute die Herausforderung. Da müssen wir neue Wege finden. Man könnte die Metapher entwickeln, wir müssen jetzt – nach Corona – einen neuen strategischen Staatsvertrag suchen, ein effizienteres Beziehungsgeflecht mit der EU und dem globalen Umfeld. Da ist es ganz gut, in die Jahre 1945 bis 1955 zurückzublicken. Mit einer Mehr-Ebenen-Strategie zwischen nationalen Interessen und internationalen Entwicklungen das Beste für Österreich herauszuholen – das ist damals perfekt gelungen.

Zur Person:

Der aus Litschau stammende Oliver Rathkolb ist Historiker und Professor für Zeitgeschichte an der Uni Wien.