Hugo Portisch: „Alles musste errungen werden“. Journalisten-Legende Hugo Portisch erzählt über seine Ankunft 1945 in St. Pölten, die Anfänge der Zweiten Republik und die Veränderung, die der Staatsvertrag brachte.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 20. Mai 2020 (05:51)
Hugo Portisch: „Niederösterreich hatte lange das Nachsehen.“
APA/Pfarrhofer

In der Vorwoche jährte sich die Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages zum 65. Mal. Für Hugo Portisch war dieses Ereignis im Jahr 1955 der Zeitpunkt, an dem es auch in Niederösterreich nach dem Krieg wieder bergauf ging. Was sich damals verändert hat, wie groß die Not davor war und wie er selbst in St. Pölten die letzten Kriegstage erlebte, erzählt der heute 93-Jährige im NÖN-Gespräch.

NÖN: Sie sind im Jahr 1945 von Pressburg nach St. Pölten gekommen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt zu dieser Zeit?
Hugo Portisch: Genau, am 4. April 1945 bin ich mit meinen Eltern nach St. Pölten gekommen. Der Anblick war nicht sehr erfreulich. Die Traisenbrücke, der Bahnhof – das war traurig. (Anmerkung: Beides wurde im Krieg zerstört.)

Am 8. Mai war der Krieg dann offiziell zu Ende. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit unmittelbar danach?
Portisch: Auch das war nicht erfreulich. In St. Pölten war vieles zerstört. Der damalige Bürgermeister hat die Bevölkerung aufgerufen, sich am Wiederaufbau zu beteiligen. Er war sehr forsch. Alle sollten helfen. Sogar Kardinal König war dabei ...

Bei den Wiederaufbau-Arbeiten?
Portisch: Ja, er hat die Traisenbrücke mit aufgebaut. König war auch an dem Tag, an dem die Russen in St. Pölten eingezogen sind, in der Stadt. Er hat sich in einem Domgebäude einquartiert, in dem auch Schwestern waren. Ein Russe wollte von dort dann eine Frau mitnehmen. Kardinal König hat daraufhin gesagt, „das geht nicht, das ist meine eigene Frau“. So hat er sie gerettet. Das hat er oft lachend erzählt.

Sind Sie selbst dann in St. Pölten geblieben?
Portisch: Nein, ich bin nach Wien gegangen. Aber meine Eltern sind in St. Pölten geblieben. Mein Vater hat in der St. Pöltner Zeitung geschrieben. Aus der ist mit anderen Zeitungen ja später die NÖN entstanden ...

Ja, die St. Pöltner Zeitung ist 1946 erstmals wieder erschienen. Wie war das damals?
Portisch: Mein Vater musste sich jeden Freitag beim russischen Kommandanten stellen und erklären, warum er das oder das schreibt. Und er wusste nicht, ob er den Russen wieder entkommen wird. Deshalb hat er sich immer stark angezogen. Also zwei Paar Strümpfe zum Beispiel. Für den Fall, dass er nach Sibirien kommt.

Die Sowjets hatten zu dieser Zeit Niederösterreich besetzt. Würden Sie sagen, dass die Besatzungszeit die Geschichte des Landes geprägt hat?
Portisch: Niederösterreich hat die volle Wucht der Besatzung zu spüren bekommen. Vor allem auch die Frauen. Die Russen haben Frauen als Kriegsbeute gesehen. Das war schlimm.

Hatte das auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung?
Portisch: Ja, NÖ hatte da lange Zeit das Nachsehen. Mit den westlichen Bundesländern konnte das Land nicht mithalten. Den Niederösterreichern ging’s nicht gut. Die Russen haben sich ja auch vom Land ernährt. Und es wurde Geld ins russische Eigentum überführt.

Wie lange hat es gedauert, bis NÖ das wieder aufholen konnte?
Portisch: Die Renner-Regierung hatte das Ziel, das Land zu erhalten, dass die Bevölkerung wieder arbeiten und sich selbst ernähren und ein bisschen Geld verdienen kann. Dann kam der Marshall-Plan. Spätestens mit dem Staatsvertrag ist dann alles wieder besser geworden. Da haben die Niederösterreicher ihre Betriebe zurückbekommen und ihre Erdöl-Felder. Obwohl Österreich sogar zahlen musste an die Sowjetunion. Aber die Geschäftsgrundlage war mit dem Staatsvertrag wiederhergestellt. Bis dahin ging‘s den Niederösterreichern nicht gut.

Niederösterreich hat also auch vom Marshall-Plan profitiert?
Portisch: Die Amerikaner waren großzügig genug und haben ihre Güter auch in der sowjetischen Zone verteilt. Der Marshall-Plan hat vorgesehen, dass die Verteilung der Güter von den Amerikanern beaufsichtigt wird. Also die Voraussetzung für die Teilnahme war die Verpflichtung, sich von den Amerikanern kontrollieren zu lassen. Das konnte Österreich nicht einhalten, weil die Sowjets keine amerikanischen Kontrolleure geduldet haben. Daraufhin hat der amerikanische Kongress ein Sondergesetz beschlossen.

Die Zweite Republik besteht seit 75 Jahren. Sie haben viel darüber berichtet. Wie waren die Anfänge?
Portisch: Das Ende des Zweiten Weltkriegs war für das ganze Land eine Zäsur. Geschehen ist die Einsetzung der Renner-Regierung, dann die freien Wahlen im November. Das war alles keine Selbstverständlichkeit. Das musste alles errungen werden. Die Österreicher mussten sich im eigenen Land wieder einrichten, alles wiederherstellen. Vieles, was wir heute haben, hat damals seinen Anfang genommen.

Ist es heute aus Ihrer Sicht noch wichtig, sich daran zu erinnern und das zu feiern?
Portisch: Ja, ich glaube, die Leute, die das durchgemacht haben, sind schon berechtigt, sich daran zu erinnern. Und auch die heutige Generation darauf aufmerksam zu machen. Schaut, wie es war, und welche ungeheure Anstrengung das erfordert hat. Und auch die politischen Kräfte: Es war nicht selbstverständlich, dass sie geeint gehandelt haben. Die waren vorher im Bürgerkrieg. Es war nicht selbstverständlich, dass die klaglos und selbstlos zusammenarbeiten. Das haben sie aber getan. Die demokratische Einigkeit war eine große Tat.