Andreas Nödl: „Manche haben mich umarmt“

Erstellt am 11. August 2022 | 04:52
Lesezeit: 7 Min
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Andreas Nödl in seinem Haus in Vitis im Gespräch mit NÖN-Chefredakteur Daniel Lohninger: „Ich habe mich von den Klimt-Bildern verabschiedet, als noch niemand wusste, dass sie Österreich verlassen werden.“
Foto: Gerald Muthsam
2006 musste die Republik Österreich arisierte Kunstwerke an die Erben zurückgeben. Dafür mitverantwortlich war Andreas Nödl, den das Thema später auch bei der Leopold-Stiftung begleitete.
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NÖN: 2006 wurden die Goldene Adele und vier weitere Klimt-Gemälde an die Erben der Familie Bloch-Bauer übergeben. Es war das Ende eines jahrelangen Rechtsstreits, in dem Sie eine der juristischen Schlüsselpersonen in Österreich waren. Was hat sich seit damals im Umgang mit arisiertem Kulturgut geändert?

Andreas Nödl: Adele Bloch-Bauer, Amalie Zuckerkandl, Wally Neuzil, Gertrud Löw, die Wasserschlangen, die Häuser am Meer – sie alle haben mich viele Sommer begleitet. Allein im Verfahren um die „Goldene Adele“ waren etwa 25.000 Seiten zu lesen. Ausgangspunkt für heutige Restitutionsverfahren ist das Bundes-Kunstrückgabegesetz. Es knüpft daran an, dass sich in Bundesmuseen entweder entzogene und nicht rückgestellte Kunstwerke befinden oder Kunstwerke trotz Rückstellung anlässlich der Ausfuhr nach dem Krieg abgepresst wurden. Was in Österreich aber nach wie vor fehlt, ist eine Regelung für den privaten Bereich – also ein Instrument, das Museen und Sammlungen, die nicht der öffentlichen Hand gehören, vor den Vorhang holt und das faire und gerechte Lösungen mit den heutigen Erben möglich macht.

Sie saßen im Schiedsgericht, das entschieden hat, dass die Republik Österreich fünf Klimt-Gemälde an Maria Altmann und die Erben nach Familie Bloch-Bauer übergeben muss.

Nödl: Ja. Die Causa der Goldenen Adele, von Adele Bloch-Bauer II und der drei Landschaftsbilder von Klimt betraf eben die Konstellation, dass die Familie nach dem Krieg nicht alle zurückgestellten Kunstwerke in ihre neue Heimat mitnehmen konnte, und zwar aufgrund eines Kunstausfuhrverbots. Sogar 1998 noch wurde diese Drucksituation negiert. Also klagte Anwalt E. Randol Schoenberg in den USA. Ausfluss dieses US-Verfahrens war, dass ein Schiedsgericht – und ich wurde von der Familie als einer der Richter nominiert – darüber zu entscheiden hatte, was es 2006 auch im Sinne der Erben getan hat.

Es ist bewegend, wenn man die Bilder in der Öffentlichkeit wiedersieht. Andreas Nödl

Die Erben nach der Familie Bloch-Bauer haben dann die Bilder restituiert bekommen. Hätten sie einen Privaten verklagt, wäre nichts passiert?

Nödl: So ist es – ihre Ansprüche wären auf der Strecke geblieben, wenn man sich nicht, wie das Leopold-Museum oder später die Klimt-Foundation, ohne rechtliche Verpflichtung auf eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Washington Principles verständigt hätte.

Mit der „Goldenen Adele“ haben Sie Weltruhm erlangt. Der Fall wurde zuletzt sogar von Hollywood verfilmt. Wie waren die Wochen nach dem Spruch des Schiedsgerichts? Die Restitutionsfrage war in Österreich damals ja hochemotional.

Nödl: Damals ist vieles hochgekocht – auch medial. Es hat nach der Entscheidung unterschiedliche Reaktionen geben; Menschen haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich gesehen haben, andere sind auf mich zugekommen und haben mich umarmt. Ich fühle Dankbarkeit, dass ich an der einen oder anderen vielleicht nicht ganz unbedeutenden Stellschraube mitdrehen durfte und ich meine Familie hinter mir weiß; weshalb dazu auch Demut kommt.

Sie waren danach Vorstand in der Leopold-Stiftung. Das Thema Arisierung von Kunstgut begleitete Sie auch dort.

Nödl: Eine Privatstiftung mit Bundesfinanzierung. Es gab damals erheblichen medialen Druck. Wir haben versucht, der Öffentlichkeit zugängliche Kunst durch Lösungen mit den Erben der Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten. Der Erfolg ist, dass „Die Häuser am Meer“ nach wie vor dort sind und dass das „Bildnis Wally“, das ja in New York beschlagnahmt worden war, zurückgekehrt ist.

Sie waren ein enger Vertrauter von Rudolf Leopold. Was ist das Wichtigste, das Sie von ihm gelernt haben?

Nödl: In erster Linie hat er mir nach dem Tod meines Vaters eine breite Schulter zum Anlehnen geboten. Gelernt habe ich vieles, auch, was man besser sein lässt – vor allem aber, Kunstwerke in ihrer Formensprache zu lesen und den Schaffensprozess nachzuvollziehen. Dabei geht es um das Motiv, vom ersten Entwurf bis hin zum Ölbild oder zur fertigen Plastik – das erfüllt mich. Oder, wenn man in Krumau ist und sich dort hinstellt, von wo Schiele in die Stadt hineingeschaut hat oder an den Attersee fährt und das Fernrohr hinüber nach Unterach richtet, um in natura zu sehen, was Klimt auf die Leinwand gebracht hat. Besser geht’s nur, wenn Kunstwerke für einen persönlich gemacht werden und man an der Entstehung unmittelbar beteiligt ist ...

Was haben Sie fachlich und menschlich aus dieser Zeit mitgenommen?

Nödl: Jedes Bild war eine sisyphushafte Arbeit, jedes dieser Bilder hat unsere Familie praktisch gesprengt. Hätte ich nicht eine so wunderbare Frau, die alles mitträgt, und Kinder, die mich verstehen, wäre es nicht gegangen. Fachlich war es spannend, dort zu arbeiten, wo Rechtsnormen nichts mehr regeln und man im quasi freien Raum agiert. Wo man alles Argumentarium, das man gelernt hat, aufbieten muss und in vielen Rechtsordnungen nach Vehikeln für tragfähige Lösungen sucht. Und spannend ist es dann, wenn man die Werke in der Öffentlichkeit wiedersieht. Das ist bewegend. Ich habe mich auch in Wien am 15. Jänner 2006 von den Klimt-Bildern verabschiedet, als noch niemand wusste, dass sie Österreich verlassen werden. Nicht mehr gesehen habe ich zum Beispiel „Wasserschlangen II“ und die „Häuser in Unterach“, weil sie in privaten Sammlungen gelandet und nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. Das ist traurig, sie sind für die Allgemeinheit verloren.

2015 hatten Sie Ihren bislang letzten Restitutionsfall. Was sind heute Ihre juristischen Schwerpunkte?

Nödl: Im Kunstbereich vertrete ich immer wieder Nachlässe und treffe Regelungen mit Auktionshäusern, Galerien und so weiter. Im Restitutionswesen ist es zurzeit eher ruhig, aber es gibt international und auch in Österreich noch viel zu tun, Schlagwort: Private. Im Übrigen beschäftige ich mich mit Privatstiftungen, Liegenschafts- und Mietrecht, mache nach wie vor Grundrechtsschutz und Enteignungsrecht, aber auch – das habe ich mehr als 15 Jahre an der Universität Wien unterrichtet – Umwelt- und Anlagenrecht sowie in jüngerer Zeit häufig auch Vermögensrepatriierungen.

Ihr Konnex zum Waldviertel?

Nödl: Ich bin hier im Haus meiner Urgroßeltern in Vitis ebenso zuhause wie in unserer Wohnung in Wien oder in meiner Kanzlei am Kärntner Ring.

Im Waldviertel haben Sie Carl Hermann zu neuer Bekanntheit verholfen. Was fasziniert Sie so an diesem – gemessen an Klimt, Schiele & Co. – unbekannten Künstler?

Nödl: Carl Hermann war wie kein anderer, der das Waldviertel geprägt hat. Man muss ihn aus seinem Leben verstehen. Er hat auch beim Nazi-Monumentalbildhauer Thorak gelernt, war im Widerstand, wurde zum Tod verurteilt, entkam in den letzten Kriegstagen und landete schließlich in Gmünd. Die Blockheide wurde auf seine Initiative hin gegründet und er hat sie mit seinen Kunstwerken, vor allem dem Heidemännlein, reichhaltig ausgestattet. Zum 60-jährigen Jubiläum der Blockheide werden wir nächstes Jahr im Carl Hermann-Haus seine diesbezügliche künstlerische Arbeit zeigen. 1970 schuf er den Nord-Süd-Weitwanderweg 05, der das Waldviertel mit seiner Heimat in Eibiswald verbindet und an dem seine Kunstwerke wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind. Es fasziniert, wie er künstlerisch im Gegenständlichen bleibt, aber formal auf wesentliche Linien reduziert. Seine Formensprache stimmt einfach. Mit seinen Entwürfen können wir den Werdegang von jedem seiner Kunstwerke Schritt für Schritt nachvollziehen, als wären wir live dabei. Sein Haus ist praktisch ein einziger Schrein an Kunstwerken, auf die wir auch in der heurigen Ausstellung hinweisen. Näheres zum Künstler und unseren Aktivitäten auf www.carlhermann.at.