Heinz Daxecker: „Die Pandemie hat den Manieren nicht gutgetan“

Erstellt am 23. Februar 2022 | 03:18
Lesezeit: 6 Min
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„So wie ich mich kleide, so möchte ich behandelt werden“, sagt Heinz Daxecker. Die Jogginghose gehört seiner Ansicht nach auf die Couch.
Foto: Viktor Haunold
Heinz Daxecker ist Obmann der Österreichischen Knigge-Gesellschaft, die kultivierte Umgangsformen vermittelt. Ein Gespräch über Händeschütteln, Jogginghosen und einen Benimmkurs für Politiker.
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Würde jeder einen Benimmkurs machen, wäre die Welt etwas netter, ist Heinz Daxecker überzeugt. 2013 war der Wiener Neudorfer Mitgründer der Österreichischen Knigge-Gesellschaft. Ihr Anliegen: Gutes Benehmen vermitteln. Dafür ist man weder zu alt noch zu jung.

NÖN: Wäre nicht Pandemie, würden wir uns gerade mitten in der Ballsaison befinden. Hätte man Sie da auf dem einen oder anderen Ball angetroffen?
Heinz Daxecker: Ja, bei einigen Bällen bin ich sehr gerne zugegen wegen der Atmosphäre und des Flairs. Aber eben auch, um einmal nicht mit der normalen Alltagskleidung außer Haus zu gehen, sondern sich mal wieder adäquat anzukleiden. Was gibt es Schöneres als sich für einen Ball wieder einmal richtig passend zu kleiden?

Der Präsident der deutschen Knigge-Gesellschaft hat erst gesagt, dass sich die Pandemie negativ auf das gute Benehmen auswirkt. Sehen Sie das auch so?
Daxecker: Ich glaube schon. Das geht bereits los mit der Ghettofaust oder dem Wuhan-Shake. Wir reichen uns nicht mehr die Hände, sondern die Füße, den Ellbogen, oder eben die Faust. Das ist kein Zeichen von Wertschätzung. Das kommt aus dem Boxsport und bedeutet Aggression. Ein anderer Aspekt ist, dass wir viel zu Hause waren. Dort werden Körperpflege und Kleidung stark vernachlässigt. Das wieder zu lernen bei der Rückkehr ins Büro, wird für einige mit Anstrengung verbunden sein. Das zeigt, dass die Pandemie den guten Manieren nicht sehr gutgetan hat.

Der Handschlag wird zurückkommen.

Glauben Sie, dass sich bei der Begrüßung das klassische Händeschütteln und Bussi links, Bussi rechts nach der Pandemie wieder einstellen werden?
Daxecker: Ich habe die große Hoffnung und denke, dass das wiederkommt. Ich sehe, dass vermehrt neben der Faust auch wieder die Hand ausgestreckt wird. Natürlich, einige zaudern und wollen das noch nicht machen. Das muss man akzeptieren. Was aber bleiben sollte, ist die Hygiene. Das regelmäßige Händewaschen, das wir in Österreich nicht sehr oft gepflegt haben, wird hoffentlich beibehalten. Aber auch der Handschlag wird zurückkommen.

Die Pandemie hat auf die Gesellschaft sehr polarisierend gewirkt. Haben Sie konkrete Tipps, wie man trotz polarisierender Ansichten respektvoll miteinander umgehen kann?
Daxecker: Wenn der Spalt in der Familie drinnen ist, dann heißt es: Sachlichkeit und Fachlichkeit sind wichtig. Bei einem Thema – egal ob Pandemie oder Impfpflicht – fachlich und sachlich zu diskutieren, ist der einzige Ausweg, um die Emotionen nicht überkochen zu lassen. Besonders in Verbindung mit Alkohol bleibt die Sachlichkeit oft auf der Strecke. Aber ich würde wirklich empfehlen, bei diesen Themen bei den Fakten zu bleiben. Eine zweite Sache ist Wertschätzung: Das heißt: Ich werde dich so behandeln, wie du behandelt werden willst. Also wichtig ist: Wertschätzung zu zeigen, sachlich zu bleiben und Fakten orientiert zu argumentieren.

Viele Menschen waren durch Corona immer wieder isoliert von anderen Personen. Kann dies Auswirkungen auf die persönlichen Umgangsformen mit anderen haben?
Daxecker: Wir haben die Kommunikation mit Kollegen, aber auch mit Kunden sehr stark über Videokonferenzen geführt, wo dieses Persönliche auf der Strecke bleibt. Emotionen kann ich über den Bildschirm kaum wahrnehmen. Mimik und Gestik sind verkümmert. Sehr oft wird auch die Kamera nicht eingeschaltet. Da sind dann viele kaum geschminkt, haben sich die Haare nicht gemacht, kein Hemd angezogen. Wenn man die Kamera einschaltet, dann zeigt man Respekt. Denn ins Büro geht ja auch keiner mit einer Papiertüte über dem Kopf. Unternehmen müssen lernen und forcieren, wie ich wieder Wertschätzung, Respekt und Toleranz in mein Team bringe.

Die Jogginghose hat durch das Home-Office ein Revival erlebt. Nach dem Motto: Bei einem Online-Meeting sieht niemand, was ich untenherum trage. Inwiefern spielt die Kleidung beim guten Benehmen eine Rolle?
Daxecker: Da gibt es dieses Sprichwort: Hast du eine Jeans an, wirst du wie eine Jeans behandelt. Hast du einen Anzug an, wirst du wie ein Anzug behandelt. Das heißt, ich bringe mit meiner Kleidung mir selbst und meinem Gegenüber Wertschätzung und Respekt entgegen. So wie ich mich kleide, so möchte ich behandelt werden. Die Jogginghose gehört auf die Couch an einem schönen Samstagabend vor dem Fernseher. Es ist aber auch wichtig in seiner Freizeit die Kleidungswahl zu bedenken. Denn auch hier repräsentiere ich immer auch mein Unternehmen.

Viele meinen, dass der persönliche Kontakt, vor allem durch die sozialen Medien, heute nicht mehr so wichtig ist. Erfolgreiche Influencer sind hier ein Beispiel. Wie würden Sie das einschätzen?
Daxecker: Ja, die sozialen Medien beeinflussen unsere Umgangsformen sehr stark, weil wir hier Anstandsregeln nicht einhalten. Mobbing ist über soziale Medien um einiges leichter. Persönliche Übergriffe und Angriffe finden viel öfter statt. Da wäre es sehr wichtig, dass Grundregeln für die sozialen Medien vermittelt werden.

In der Politik hat man in letzter Zeit sehr viele raue Töne vernommen. Da war von „Alten Deppen“, „der Hure der Reichen“ und „Gsindl“ die Rede. Wie sehen Sie solche Äußerungen? Brauchen unsere Politiker einen Benimmkurs?
Daxecker: Ich sehe mir ab und zu die Übertragung vom „Hohen Haus“ an und denke, dass im Parlament Respekt und Toleranz sehr oft auf der Strecke bleiben. Keiner ist je zu jung oder zu alt für einen Benimmkurs. Ich denke, wenn jeder einen Benimmkurs machen würde, wäre die Welt etwas netter und rücksichtsvoller. Denn dann würde man bei Aussagen aus der Emotion heraus öfter vorher nachdenken und sie dann eher vermeiden. Auf jeden Fall ist ein Abrüsten dieser Worte nötig.

Weil das immer wieder für Verwirrung sorgt: Könnten Sie erklären, wer wem das Du anbieten darf?
Daxecker: Man unterscheidet hier das Geschäftliche und das Private. Im Geschäftsleben bietet der Ranghöhere dem Rangniedrigeren das Du an. Das heißt zum Beispiel der Chef dem Mitarbeiter. Im privaten Bereich gilt immer noch „Ladies first“. Das heißt, die Dame bietet dem Herrn das Du an. Und es bietet auch der Ältere dem Jüngeren das Du an.

Alkohol zählt hierzulande quasi zur Kultur. Finden Sie, dass Alkohol zu gesellschaftlichen Veranstaltungen dazugehört?
Daxecker: Alkohol im Sinne eines gepflegten Glases Wein, bin ich der Meinung, gehört dazu. Was nicht dazugehört ist: Ich gehe vor der Firmenfeier noch etwas trinken, also diese Vorglüh-Mentalität, um dann dort bereits angeheitert anzukommen. Wichtig ist aber, dass man die Kollegen, die nur Wasser trinken wollen, nicht ausschließt. Man braucht auch keinen Grund, keinen Alkohol zu trinken. Aber ich denke, ein schönes Glas Wein oder ein gepflegtes Bier gehören zu unserer Kultur dazu.

Was würden Sie sagen, sind die wichtigsten Dinge, die ein gutes Benehmen ausmachen?
Daxecker: Generell ist wichtig, dass man ein Regelwerk kennt, was gutes Benehmen ausmacht. Und zu wissen, welche Regeln in der jeweiligen Situation gelten, um Wertschätzung und Toleranz auszudrücken. Wenn ich gutes Benehmen an den Tag lege, dann bekomme ich nicht nur Respekt, sondern ich generiere auch Respekt. Das ist sowohl im Berufs- als auch im Privatleben wichtig.