Konrad Kogler: „Für uns gab es kein Wellental“

Landesgesundheitsagentur-Vorstand Konrad Kogler sprach mit der NÖN über die vierte Corona-Welle, die Situation in den Spitälern und den bevorstehenden Generationswechsel in den Gesundheitsberufen.

Erstellt am 17. November 2021 | 04:35
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„Mitarbeiter in Kliniken und Heimen konnten wechselweise aushelfen. So konnten wir Belastungsspitzen abfedern, wenn Personal erkrankt war oder in Quarantäne musste“, erklärt Konrad Kogler einen der Vorteile der NÖ Landesgesundheitsagentur (LGA).
Foto: Foto LGA; sfam_photo/Shutterstock.com

NÖN: In Niederösterreich sind in der Vorwoche tausende Beschäftigte aus Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen auf die Straße gegangen, weil sie in der Corona-Pandemie an die Grenzen Ihrer Belastbarkeit gestoßen sind. Können Sie die Leute verstehen?
Konrad Kogler: Wir stehen seit dem Frühjahr 2020 in einer riesigen Belastungssituation für unsere Kollegen und Kolleginnen in allen Kliniken, aber auch in allen Pflegezentren. Zunächst war die Herausforderung ganz neu, weil wir die gesamte Systemumgebung umstellen mussten. Dann haben wir die erste Welle mit einem Wahnsinnseinsatz gut gemeistert. Aufgrund der ersten Welle wurden Operationen nach hinten verschoben, die wir im Sinne unserer Patientinnen und Patienten schnell nachholen wollten. Was war die Folge? In einem scheinbaren Wellental gab es für uns kein Wellental, weil es voll weitergegangen ist. Zudem ist es eine extreme Herausforderung für das Personal, sich jedes Mal für die nächste Welle zu motivieren. Und es gibt natürlich eine gewisse Frustration, weil der Großteil der Menschen, die wegen Corona zu uns kommen, nicht geimpft ist.

Also einerseits ist das eine direkte Folge der Pandemie. Andererseits ist eine gewisse Personalknappheit sowieso systemimmanent.
Kogler: Das stimmt. Das Gesundheits- und Pflegewesen hat generell zu wenig Personal. Aber wir haben darauf reagiert. Im ärztlichen Bereich haben wir das Land in Form der Karl-Landsteiner-Privatuniversität ersucht, dass man die Studienplätze entsprechend aufbaut. Dort werden die Studienplätze pro Jahr immerhin von etwas über 80 auf 125 ausgebaut. Das hilft uns natürlich auch mit den Absolventen. Und wir haben auch in den Kliniken darauf reagiert, dass wir das Personal für die Ausbildung entsprechend aufgestockt haben.

Es gibt keine Schließung der Chirurgie in Waidhofen Konrad Kogler, Chef der Landesgesundheitsagentur

Die Situation in der Pflege?
Kogler:  In der Pflege haben wir eigene Schulen, wo wir Pflegepersonal ausbilden. Wir haben ein ganz klares Bekenntnis dazu abgegeben, dass wir den gehobenen Dienst, also die diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen, an den Fachhochschulen ausbilden. Wir haben gesehen: Auf der einen Seite trägt das massiv zur Attraktivierung der Pflegefachassistenz bei, weil mit dem Zugang ohne Matura der Pflegeberuf weiter für alle offen ist. Auf der anderen Seite leisten wir einen Beitrag zur Anerkennung der Pflege über die Fachhochschulen. Im Ergebnis haben wir eindeutig recht bekommen. Und im Juni wurden die Pflegeberufe in Niederösterreich durch eine Gesetzesnovelle attraktiviert, etwa durch den Entfall der Einschleifregelung.

Wirkt sich die Aufstockung bereits aus?
Kogler: Wir haben in den Schulen von rund 640 Auszubildenden auf 920 aufgestockt. In den Fachhochschulen, die rund 300 Plätze in der dreijährigen Ausbildung angeboten haben, sind jetzt die Plätze auf insgesamt 555 angestiegen. Und alle Plätze sind besetzt. Trotz des Umstandes, dass wir eine Impfung verlangen, und trotz der Pandemie.

Wo gibt es darüber hinaus noch Möglichkeiten, die Arbeitssituation im Gesundheitsbereich zu verbessern?
Kogler: Es gibt eine Vielzahl an Initiativen, die aktuell auf Bundesebene liegen. Einerseits im Ausbildungsbereich, andererseits hätten wir gerne die eine oder andere gesetzliche Veränderung im Pflegefachassistenzbereich. Wir denken, dass die Leute im Ausbildungsbereich so viele Dinge lernen, die sie, aufgrund der bestehenden gesetzlichen Regelungen, nicht zur Gänze anwenden können. Was wiederum ihr Einsatzgebiet einschränkt. Das führt dazu, dass wir eigentliche Tätigkeiten von Pflegefachassistenten machen lassen könnten, wofür wir aber zusätzliche diplomierte Pflegekräfte brauchen. Hier ist der Bund am Zug, die Struktur zu verändern. Es gibt hier schon ganz konkrete Gespräche.

Die LGA beschäftigt 27.000 Mitarbeiter. Wo liegen die größten Herausforderungen?
Kogler: Es gibt zahlreiche Herausforderungen. Eine davon ist das Managen des Generationswechsels. Wir sprechen in den nächsten zehn Jahren von rund 40 Prozent des Personals, das aufgrund von Pensionierungen oder Fluktuation nicht mehr zur Verfügung steht. Einerseits verlassen uns hocherfahrene Kollegen und Kolleginnen und auf der anderen Seite haben wir zahlreiche junge Einsteiger und Einsteigerinnen. Das ganze Recruiting, die Grundausbildung, das Heranführen an diese Berufe ist natürlich eine entsprechende Herausforderung, sowohl in der Pflege als auch in der Medizin. Wenn ein Junger das Studium beginnt, im besten Fall nach sechs Jahren fertig ist und dann entsprechend in eine fachärztliche Ausbildung einsteigt, müssen wir im Schnitt mit einer zehnjährigen Gesamtausbildungszeit rechnen.

In Bundesländen wie Salzburg oder in der Steiermark sind bereits Pflegebetten frei geblieben, weil das Personal fehlte. Droht das auch in NÖ?
Kogler: Man darf dieses Szenario nicht negieren, und wir setzen im Recruiting hier einen Schwerpunkt. Und wir schauen, dass wir möglichst alle Bereiche gut bespielen. Dadurch, dass wir Kliniken und Pflegeheime zusammengeführt haben, können wir sehr flexibel agieren, sodass Mitarbeiter in Kliniken und Heimen wechselweise aushelfen konnten. So konnten wir Belastungsspitzen abfedern, wenn Personal erkrankt war oder in Quarantäne musste. Das hat uns geholfen, bestimmte Bereiche nicht sperren zu müssen.

Die LGA hat den Auftrag von der Politik, die Gesundheits-Landschaft entsprechend weiterzuentwickeln. Wie sieht das große Bild aus?
Kogler: Der Auftrag lautet, eine moderne und leistungsfähige Gesundheitsarchitektur – die bestmögliche Versorgung in Niederösterreich – zur Verfügung zu stellen. Unsere grundsätzliche Herangehensweise ist: Die Akutversorgung muss in der Fläche überall funktionieren. Wir sehen einen ganz klaren Wunsch aller Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher, die bestmögliche Versorgung zu haben. Im Bereich planbarerer Eingriffe sagen die Leute, ich gehe nicht unbedingt in mein nächstgelegenes Klinikum, sondern ich gehe dorthin, wo ich mir erwarte, dass ich die bestmögliche Versorgung bekomme. Das gelingt mit dem besten Personal und der bestmöglichen Infrastruktur.

Haben Sie ein Beispiel dazu?
Kogler: Dass wir in Amstetten die Akutneurologie stationieren, ergibt Sinn, weil wir hier auch die gesamte Systemumgebung haben, die wir für eine Akutversorgung brauchen. Wir werden darüber hinaus etwa auch den Ausbildungsbereich für das Mostviertel in Mauer konzentrieren, insbesondere wenn es um Sonder- und Spezialausbildungen geht.

Im Mostviertel gab es zuletzt Aufregung, weil die Belegschaft der medizinisch-technischen Dienste mit der Absiedelung der Neurologie um ihre Jobs fürchtete. Können die ausgesprochenen Jobgarantien eingehalten werden?
Kogler: Ja, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich sowohl für Amstetten und Melk als auch für die Pflegeeinrichtungen in Mauer bewerben können, wo die Leistungen angeboten und sie dementsprechend gebraucht werden.

Und die Gerüchte um die Schließung der chirurgischen Abteilung im Landesklinikum Waidhofen/Thaya?
Kogler: Es gibt keine Schließung. Wir schauen uns aber an, wie die weitere Entwicklung vonstattengehen soll, damit wir eine bestmögliche Versorgung haben. Was ist in unserem Leistungsportfolio drinnen? Fehlt etwas, das wir zusätzlich anbieten sollen? Nach innen gerichtet ist unsere zentrale Frage: Wie schaffen wir klare Zukunftsperspektiven für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?