Mediziner Stefan Wöhrer: „Das Schicksal kann beeinflusst werden“

Erstellt am 26. Jänner 2023 | 04:34
Lesezeit: 6 Min
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„Es gibt Gene, wo man sagen kann, die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung liegt nahezu bei 100 Prozent“, betont Stefan Wöhrer.
Foto: Jarolim Zacek
Stefan Wöhrer ist ein Genmedizin-Spezialist: „Viele Dinge lassen sich vorhersagen, viele Krankheiten können verhindert werden!“ Der Arzt möchte das Thema Genmedizin thematisieren.
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NÖN: Was versteht man unter Personalisierter Medizin?

Stefan Wöhrer: Die Personalisierte Medizin ist eine Medizin, die sich nach den eigenen Genen, nach der Person, richtet. Das bisherige Medizinsystem funktioniert so, dass alle gleich behandelt werden. Das ist jetzt nicht schlecht, wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem in Österreich. Aber wir wissen: Da gibt es einige Leute, die durch den Rost fallen. Der eine hat mit 30 Jahren Krebs, der andere mit 40 Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Und da sagt man: Das ist Schicksal! Weil der Großvater oder Vater auch das hatte – und deshalb kann man dagegen nichts machen. Durch die Genanalysen, die wir bei Permedio durchführen, kann man aber diese Dinge vorhersagen und rechtzeitig Schritte setzen, um die Erkrankungen abzuwenden. Diesbezüglich hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. 2003 wurde das gesamte Genom von uns Menschen entschlüsselt. Diese Analyse hat damals Millionen gekostet, jetzt sind wir in einem Bereich von rund 300 Euro Laborkosten.

Nur rund 300 Euro …

Wöhrer: Ja! Früher hat man gesagt, das können sich ein paar Superreiche leisten, die das auch gemacht haben, Prominente wie Angelina Jolie oder Steve Jobs sind zwei Beispiele, aber mittlerweile können das alle machen!
Wie funktioniert das Ganze?

Soll man kommen, wenn man krank ist – oder quasi vorbeugend?

Wöhrer: Das Beste ist natürlich, wenn man gesund ist. Es wird aber die Zeit kommen, in der je-
des Baby gleich nach der Geburt so einen Gentest bekommt. Dann wissen wir relativ gut, welche Krankheiten auf dieses Kind zukommen. In den USA, in Israel und in Finnland ist ein Gentest übrigens gang und gäbe. In Israel lassen alle jungen Paare, die einen Kinderwunsch haben, einen Gentest machen.

Wie viele Jahre, Jahrzehnte kann man die Krankheiten vorhersagen?

Wöhrer: Wir können zum Beispiel beim Herzinfarkt sagen, ob er im Laufe des Lebens passieren wird. Wir unterscheiden da in drei Punkte: geringes Risiko, mittleres Risiko oder hohes Risiko. Das kann man sehr gut abschätzen. Beim hohen Risiko müssen wir besonders streng schauen – da muss der Blutdruck passen, da soll man wirklich zum Rauchen aufhören, da müssen die Blutfette gut eingestellt werden. Die betroffene Person muss man gut behandeln, dass da ja nichts passiert. Hohes Risiko heißt hier aber nicht, dass man einen Herzinfarkt bekommen muss. Unsere Analysen bringen die Behandlungsmaßnahmen exakt auf den Punkt, wir konnten damit schon schöne Erfolge erzielen. Auch bei fortgeschrittenen Erkrankungen kann der Verlauf durch eine personalisierte Therapie positiv beeinflusst werden. Das Schicksal kann beeinflusst werden.

Wie viele Gene müssen Sie da anschauen?

Wöhrer: Unser neuestes Service sind die Polygenetischen Risikofaktoren. Bei Herzinfarkt, Schlaganfall oder Bluthochdruck – die Volkskrankheiten – gibt es ganz viele Gene, tausend Gene, manche sind gut, manche sind schlecht, hier muss man alle ansehen! Hier sind wir von Permedio übrigens in Europa die Ersten, die das anbieten. Wir sind jetzt generell in einer Umbruchphase. Früher hat man sich überlegt, könnte das diese Herzrhythmusstörung sein, dann mache ich diesen einen genetischen Test. Mittlerweile hat uns die Technik überholt, man braucht kein Gen auswählen, man macht einfach alles. Natürlich steht das Thema Krebs bei unseren Tests ganz oben – 40 Prozent aller Krebserkrankungen können übrigens durch eine gesunde Lebensführung vermieden werden.

Wie funktioniert so ein Gentest?

Wöhrer: Wir machen das mit einem Backenabstrich. Den Test kann man online bestellen, daheim machen – und in Neunkirchen werden dann die genetischen Analysen gemacht. Wir stellen dann die Ergebnisse online, natürlich nicht für jeden sichtbar. Das heißt: Sie müssen nicht zu uns kommen. Man kann natürlich zu einem persönlichen Gespräch kommen. Wenn beim Gentest was gefunden wird, dann werden wir zu einem Gespräch einladen – entweder online oder persönlich in der Ordination. Wenn was gefunden wird, dann muss man schon darüber reden. Wie gefährlich ist das, muss die ganze Familien getestet werden? Wir haben hier ein Ampelsystem – Grün (alles gut), Orange (da könnte es ein Problem geben) und Rot (Vorsicht, da gibt es ein echtes Problem!). Die Auswertung macht hauptsächlich der Computer, da gibt es Algorithmen, die fahren da drüber und schon hat man das Ergebnis. Im Gengesetz steht, wie so was ablaufen muss. Aber grundsätzlich: Wenn der Gentest Alarm schreit, heißt das nicht, dass man automatisch daran sterben wird.

Die Frage ist, will ich überhaupt wissen, wie es in der Zukunft mit meiner Gesundheit aussieht?

Wöhrer: Das muss sich natürlich die Person im Vorfeld genau überlegen. Da kommen wir in eine Diskussion rein, wo man noch keine allgemein gültige Lösung gefunden hat. Ich möchte, dass das Ganze ins Gespräch kommt, thematisieren. Da kommen ethische Fragen auf uns zu, die wir bisher noch nicht hatten. Da sollte man sich als Gesellschaft was überlegen. Ich hab’ die Ärztekammer diesbezüglich kontaktiert und dafür eine Task Force vorgeschlagen. Die Antwort: Nein, danke, ist nicht relevant – das ist ein Fall für die Dachgesellschaft für Genetik.

Wie hoch ist die Quote, wo man was findet?

Wöhrer: 20 Prozent – bei jedem Fünften finden wir was. Den einen trifft es früher, den anderen später. Es gibt Gene, wo man sagen kann, die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung liegt nahezu bei 100 Prozent. Leider.

Wird Ihre Arbeit kritisiert?

Wöhrer: Oft wird die Frage gestellt: Was passiert mit meinen Daten? Der Datenschutz ist auch hier natürlich ein sehr sensibler Punkt. Die Leute haben Angst, dass man was findet, zum Beispiel Schizophrenie oder Alzheimer, und der Arbeitgeber bekommt das in die Hände. Das könnte sich unter Umständen auf die berufliche Karriere der getesteten Person auswirken. Aber ich garantiere Ihnen, dass unsere Daten nicht weitergegeben werden, die bleiben streng vertraulich.

Kann man mit dem Gentest auch die Medikamentenunverträglichkeit untersuchen?

Wöhrer: ja! Früher war das getrennt, jetzt, und das ist neu, machen wir alles auf einmal. Ein Gentest für alles! Es werden aber unterschiedliche Algorithmen zur Auswertung verwendet. Je nachdem, welche Fragestellung man hat. Wir arbeiten hier mit Spezialisten aus Amerika, Israel und Finnland zusammen. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, wie häufig Medikamentennebenwirkungen sind und wie schwerwiegend diese ausfallen können. In den westlichen Ländern sind Medikamentennebenwirkungen die vierthäufigste Todesursache. Die entscheidende Frage ist nun, ob Medikamentennebenwirkungen ein unvermeidbares Übel der modernen Medizin sind oder ob man sie reduzieren kann. Mit unserer Analyse ist es einem Patienten möglich, zu erkennen, welche Medikamente für ihn und seine Behandlung besonders geeignet sind. Das Ziel ist es, nur noch wirksame Arzneimittel einzunehmen und die Nebenwirkungen auf ein Minimum zu reduzieren.