Seit 74 Jahren verheiratet: „Wichtig ist: Eine Hetz muss sein“

Erstellt am 03. August 2022 | 03:11
Lesezeit: 6 Min
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Maria Achtsnith ist schwer an Demenz erkrankt. Georg kümmert sich rührend um sie.
Foto: Hornstein
Maria und Georg Achtsnith aus Weidling verbringen ihren Lebensabend im Caritasheim St. Leopold in Klosterneuburg, denn Maria leidet an schwerer Demenz. 1948 gaben sie sich das Jawort, sind also bereits 74 Jahre ein Ehepaar.
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NÖN: Fühlen Sie sich im Caritasheim St. Leopold wohl?
Georg Achtsnith: Wir sind froh und glücklich, dass wir da sind. Meine Frau braucht durch ihre Demenzerkrankung Hilfe und hat den Platz bekommen. Aber ich habe gesagt: Nein, wir wollen miteinander gehen.

Zurück zum Anfang. Wir schreiben das Jahr 1948 …
Achtsnith: Ja, da haben wir geheiratet!

Erzählen Sie uns, wie Sie sich kennengelernt haben …
Achtsnith: Das war ganz einfach. Mit 17 haben wir uns kennengelernt. Sie war eine Friseurin in Weidling. Vis-à-vis war ein Gasthaus. Da hab ich immer rübergeschaut und sie zurück.

Das war also Liebe auf den ersten Blick, oder?
Achtsnith: Ich bin aus Znaim gekommen und war in Weidling ganz alleine. Habe niemanden gekannt. Ich war froh, dass ich jemanden kennenlernen durfte.

Man hat sich als junger Mensch ein Versprechen gegeben. Und das hält man ein. Georg Achtsnith

Wo waren Ihre Eltern?
Achtsnith: Mein Vater ist, wie nach dem Krieg die Russen gekommen sind, gleich erschossen worden. Er war als Fuhrwerker in der Holzgewinnung tätig. Die Russen wollten das Pferd haben. Er wollte es nicht hergeben. Da haben sie gleich kurzen Prozess gemacht. Die Mutter ist normal gestorben. Ich war mit 17 schon alleine und bin bei den Großeltern aufgewachsen.

Das war sicher eine schwere Zeit für Sie ...
Achtsnith: Ja, wir Kinder mussten alle arbeiten. Wir hatten Gänse, die wir aufgezogen und dann verkauft haben. Ich musste Federn schleißen. Die weichen Teile der Feder vom Stiel trennen, für die Daunenbettwäsche. Dann musste ich Ären und Holz klauben. Den Kessel musste ich für den Waschtag heizen.

1948 gaben sie einander das Jawort. Der Start einer 74-jährigen Ehe.
1948 gaben sie einander das Jawort. Der Start einer 74-jährigen Ehe.
Foto: privat

Dann haben Sie Maria kennengelernt …
Achtsnith: Ja, und dann haben wir geheiratet. Maria war 20 und ich 21. Volljährig war man erst mit 21, deshalb hat Maria die Zustimmung ihrer Eltern gebraucht. Gewohnt haben wir dann in Weidling. Sie hat eine Wohnung gehabt.

Wie ist es dann beruflich weitergegangen?
Achtsnith: Nach dem Militärdienst – ich bin ja noch in den letzten Kriegstagen eingezogen worden – hab ich Besen gemacht. Reisstrohbesen. In dieser Fabrik war ich dann lange. Ein Arbeitskollege hat dann gesagt: Geh ins Baugewerbe, da kannst du noch was verdienen. Bei der Baufirma „Rella“ war ich 20 Jahre lang. Dann bin ich in Pension gegangen. Und beim Konsum war ich Verkäufer.

Wie waren die ersten Ehejahre? Haben Sie genug zum Essen gehabt?
Achtsnith: Zum Essen haben wir genug gehabt, es war nur sehr schwer, Essen zu bekommen. Es war eine sehr schwere Zeit. Ich musste dann jeden Tag von Weidling in den dritten Bezirk zur Arbeit fahren.

Wie hat das damals funktioniert?
Achtsnith: Ja, das ging nicht so leicht. Mit dem Autobus, dann mit dem D-Wagen, der ist damals nur nach Nussdorf gefahren, und dann weiter mit der Straßenbahn. Die Fahrt hat eineinhalb Stunden gedauert. Aber egal, das war halt damals so. Die Zeit war schwerer, die Arbeit war schwerer – es gab ja keine Maschinen, man musste alles händisch machen.

Wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind, wirkt sich das doch immer negativ auf das Eheleben aus …
Achtsnith: Ich sag Ihnen was, wir haben ein gutes Eheleben gehabt. Ich glaube, man hält mehr zusammen, wenn das Leben schwieriger ist. Der Zusammenhalt der Nachbarschaft war früher auch viel besser. Heute wissen viele nicht, wer ihr Nachbar ist. Es hat auch keinen Fernseher gegeben. Wir haben uns beim Wirt oder beim Heurigen getroffen.

Wenn Sie 74 Jahre Eheleben Revue passieren lassen – welche schönen Momente fallen Ihnen spontan ein?
Achtsnith: Wir sind immer zusammen Ären klauben gegangen. Das, was am Boden liegen geblieben ist, haben es dann mahlen lassen und damit unser Schweinderl gefüttert. Da sind wir immer zu zweit gegangen. Das war schön.

Na, da haben Sie wahrscheinlich nicht die ganze Zeit mit Ärenklauben verbracht. Da gab’s sicher längere Pausen …
Achtsnith: (lacht) Wir waren damals bloßfüßig unterwegs. Waren damit beschäftigt die Stoppeln am Boden niederzutreten, damit sie uns nicht stechen.

Wie viele Kinder haben Sie?
Achtsnith: Nach einem Jahr Ehe haben wir einen Sohn bekommen. Wir waren halt jung und verliebt. Alles ist uns leicht von der Hand gegangen, obwohl das so eine schwere Zeit war. Unser Sohn ist leider vor kurzem mit 50 Jahren an Krebs gestorben.

Hat es denn keine Ehekrisen bei Ihnen gegeben?
Achtsnith: Natürlich hat es die gegeben. Aber ich kann mich an keine großen Krisen erinnern. Da hat’s geheißen, ihr seid jetzt zusammen und verheiratet – und aus. So lange, bis dass der Tod euch scheidet, heißt es doch. Wir haben schon auch Blödsinn gemacht, aber nie hat das die Ehe gefährdet. Darauf haben wir geachtet.

Haben Sie je überlegt, sich scheiden zu lassen?
Achtsnith: Ich hab nie eine andere gehabt. Das wäre damals eine Todsünde gewesen. Das hätte es nicht gegeben.

Sie waren also immer brav in Ihrer Ehe?
Achtsnith: Ich hab nur einmal eine andere Frau gehabt. Aber vor meiner Ehe. Die war aus Ottakring und hat mich eigentlich verführt. Hat gesagt, die Tante ist auf Urlaub, du kannst bei mir schlafen. Die hat mir gezeigt, wie das funktioniert (lacht). Wir haben damals ja auch alle Angst gehabt ein lediges Kind zu bekommen. Das wäre eine Schande gewesen.

Ich hab mich schlau gemacht: Sie feiern in einem Jahr Kronjuwelen-Radium-Hochzeit. Danach gibt’s keine Jubiläen mehr …
Achtsnith: Ich kenn mich dabei nicht aus und habe auch den Überblick verloren. Was nachher kommt, weiß ich nicht.

Wie lang ist Ihre Frau schon an Demenz erkrankt?
Achtsnith: Man hat sich als junger Mensch ein Versprechen gegeben. Und das hält man ein. Da hat sich die Zeit mehr verändert. Wir leben jetzt zusammen wie immer. Sie hat auch mit der Demenz den Haushalt gemacht. Ich hab natürlich geholfen. Jeder ist heute verwundert, wie wir es zusammengebracht haben 74 Jahre gemeinsam zu leben. Wir haben dahingelebt, zusammengehalten und gearbeitet und schon immer alles gemeinsam gemacht. Unser Enkerl hat uns dann auch sehr geholfen. Wir haben Urlaube gemacht. Halt nicht weit. Wir sind nach Kärnten Schwammerln suchen gefahren.

Was kann man Eheleuten aus der Sicht eines so langen Ehelebens für Tipps gebeben?
Achtsnith: Heute wird so etwas nicht mehr zustande kommen. Es ist eine andere Zeit mit viel mehr Freiheiten. Jetzt sind auch die Möglichkeiten da, sich zu trennen, und das Leben ist für jeden Einzelnen leichter.

Was ist bei einem so langen Zusammensein wichtig?
Achtsnith: Man muss nicht immer nachgeben. Meinungsverschiedenheiten sind auch wichtig. Respekt voreinander ist notwendig und, dass man viel miteinander unternimmt.

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Achtsnith: Ich will es immer lustig haben. Wichtig ist: Eine Hetz muss sein!