Thomas Obruca: Krieg durch die Augen eines Kindes

Erstellt am 17. August 2022 | 05:49
Lesezeit: 7 Min
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Thomas Obruca begann 1989 als Polizist in der Bundespolizeidirektion Wien und ist derzeit stellvertretender Abteilungsleiter im Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl. Nun ist sein Buch „Ahmici“ im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen. Obruca nimmt auch Anfragen für Lesungen, Buchpräsentationen und Vorträge zur Thematik entgegen. Die Kontaktdaten gibt’s unter .
Foto: Michael Bouda
1993, mitten im Krieg in Bosnien und Herzegowina, überlebt der damals 13-jährige Adnan das Massaker von Ahmici. Seine Geschichte hat der Hürmer Thomas Obruca, von 2002 bis 2007 Sonderermittler beim UN-Kriegsverbrechertribunal, festgehalten.
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NÖN: Vor Kurzem ist Ihr Buch „Ahmici“ erschienen. Darin erzählen Sie die Schrecken des Kriegs in Bosnien und Herzegowina aus dem Blickwinkel des 13-jährigen Adnans. Wovon handelt „Ahmici“ genau?
Thomas Obruca: In Ahmici, ein Dorf in Bosnien und Herzegowina, wurde am 16. April 1993 ein Massaker mit 116 Toten, darunter Frauen, Kinder, alte Menschen, verübt. Adnans Eltern und Schwester wurden dabei ermordet. Er selbst hat durch Glück, schwer verwundet, überlebt und sich acht Tage, nicht wissend, was passiert, versteckt, bevor ihn UNO-Friedenstruppen retteten. Diese acht Tage gebe ich wieder. Das Buch zeigt die ungeschminkte Realität von Krieg aus der Sicht eines Kindes, fokussiert auf ein Einzelschicksal, detailgetreu und in all seiner Brutalität. Ein Schicksal, das tausende andere im Jugoslawien-Krieg getroffen hat, aber auch, leider Gottes, heute viele Menschen und Kinder weltweit trifft, ob in der Ukraine oder etwa in Syrien.

Was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?
Obruca: Als Sonderermittler beim Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien bin ich mit vielen tragischen Geschichten konfrontiert worden – Unvorstellbares, Unfassbares. Doch es war diese Geschichte, die einen prägenden Eindruck hinterlassen hat. Auch viele Jahre danach haben mich die Gedanken daran nie losgelassen. Einerseits infolge der Brutalität des Geschehenen, andererseits haben mich vor allem die Rolle des Buben und sein eiserner Wille zum Überleben beeindruckt. Auch als Ermittler ist man vorrangig Mensch und befasst sich von dieser Seite mit den Fällen, münzt sie auf das eigene Leben um. Was würde ich an seiner Stelle machen? Mich hat das beeindruckt! Vor allem auch, wie er sein Leben dann alleine meistern musste. Und gemeistert hat.

Kriege enden, das Leid und Elend bleibt aber noch lange Zeit danach bestehen.

Wie haben Sie Adnan kennengelernt?
Obruca: Ich habe ihn 2005 bei einem Zeugeninterview persönlich kennengelernt, die Geschichte kannte ich schon davor aus den Gerichtsakten. Und da war dieser Moment, als er mir seine Tochter vorstellte, die wenige Wochen davor geboren worden war. Voller Stolz präsentierte er sie mir. Kurz davor hatten wir das Interview abgeschlossen, woraus unter anderem hervorging, wie sehr er seine Familie vermisste, vor allem seinen Vater. Trotzdem hatte er ein Ziel vor Augen und versucht, ein glückliches Leben aufzubauen. Das war für mich so beeindruckend – mit dem Wissen, was er alles durchleben und mit ansehen musste. Als ich Adnan viele Jahre danach von meiner Idee zur Erzählung seines Schicksals berichtete, konnte ich fühlen, wie wichtig ihm das war. Wir trafen uns dann zweimal persönlich und führten unzählige Telefonate und schrieben zig E-Mails.

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Seit Anfang August ist Thomas Obrucas Buch „Ahmici“ erhältlich. Das Cover hat die Bischofstettner Grafikerin Anja Reifner gestaltet.
Foto: Bibliothek der Provinz

Was soll Ihr Buch bewirken?
Obruca: Es soll vor allem Bewusstsein schaffen. Wenn wir solche Ereignisse thematisieren und darüber sprechen, wird der Gesellschaft bewusst, wie schnell Schlimmes passieren kann und wie dünn das Furnier der Zivilisation ist. Man sollte auch außerhalb der „Wohlfühlblase“ denken und handeln. Wir sind in einer „Geht mich nichts an“-Gesellschaft, in der vielfach nur mehr das eigene und nicht das gemeinschaftliche Wohl im Mittelpunkt steht. Dieses Buch kann eine Lektion für die heutige Gesellschaft sein. Nach dem Tod Titos und dem Ende des Kommunismus wurden die Menschen fraktioniert. Die Loyalität zu den politischen Führern war absolut, die Menschen wurden gespalten. Es besteht die Gefahr, dass dies fast überall wieder passieren könnte.

Wie kann man sich Ihre frühere Tätigkeit als Sonderermittler beim Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien vorstellen?
Obruca: Die Hauptaufgabe bestand in der Beweissammlung zur Vorbereitung und Stützung der Anklagepunkte vor Gericht. Das beinhaltete Zeugen- und Tätereinvernahmen, Sicherung von Beweismitteln, Exhumierungen, Tatortbegehungen und Rekonstruierung von Tathergängen. Die Ermittlungstätigkeit erfolgte weltweit, vor allem in den Balkanstaaten. Konfrontiert wurde ich da vor allem mit den Folgen des Kriegs und dem daraus resultierenden Leid für die Bevölkerung. Kriege enden, das Leid und Elend bleibt aber noch lange Zeit danach bestehen. Was ich auch gesehen und gefühlt habe in den Gesprächen, war, dass es den Menschen um Gerechtigkeit ging. Ihre Aussagen vor Gericht haben zwar ihre Angehörigen nicht mehr lebendig gemacht, jedoch hat die Öffentlichkeit dabei erfahren, wer dafür verantwortlich war. Und das hilft vielen ein wenig, obwohl der Verlust und das Unverständnis für die Taten nie überwunden werden können.

Wie blicken Sie, mit Ihren Erfahrungen der Gräueltaten im ehemaligen Jugoslawien, auf den Krieg in der Ukraine?
Obruca: Als ich das Buch 2019 zu schreiben begann, hätte ich mir nie vorstellen können, dass dies in Europa, sozusagen wieder vor unserer Haustür, passieren wird. Ich kann mich sehr in die Lage der ukrainischen Menschen hineinversetzen, weil ich viele derartige Schicksale persönlich in Bosnien miterlebt und dokumentiert habe. Und es gibt eindeutig Parallelen: die Verzweiflung, das Unverständnis für die Taten durch das eigene Volk – auch in der Ukraine gibt es viele Familienbande nach Russland. Auch sind die Muster gleich: Der erhoffte schnelle Erfolg der russischen Armee ist nicht eingetreten, die Ukrainer beharren auf ihrer Unabhängigkeit. Daher tritt eine weitere Strategie in Kraft: die Zermürbung und Vertreibung der Bevölkerung durch Folter, Vergewaltigung und Mord sowie durch das Entziehen der notwendigen täglichen Lebensgrundlagen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Anzeichen für Kriegsverbrechen in der Ukraine – ob in Butscha oder anderswo?
Obruca: Ich kenne nur die Bilder und Medienberichte, jedoch scheint dies für mich sehr wahrscheinlich. Es zeigt sich auch in der Ukraine, dass gezielt Nichtkriegsziele, also Zivilisten, getötet bzw. zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen oder Wohnhäuser zerstört werden, Lebensmittel und Vieh systematisch vernichtet werden. Das sind konzertierte, durch verschiedene Führungsebenen vorgegebene militärische Aktionen. Diese gut geplanten und organisierten Taten haben den einen Zweck: die Leute zu vertreiben, Terror und Angst zu erzeugen und so letztendlich zu erreichen, dass die Überlebenden nicht mehr zurückkommen – das sind eindeutig Kriegsverbrechen.

Was glauben Sie, wie sich die Aufarbeitung des Ukraine-Kriegs – sobald er vorbei ist – gestalten wird?
Obruca: Satellitenaufnahmen, Mobiltelefone, eine vernetzte Gesellschaft machen in der Beweissicherung einen großen Unterschied zum Jugoslawientribunal. Damals konnte man erst großteils Jahre nach Ende des Kriegs in die Gebiete reisen, um die Ermittlungsarbeit aufzunehmen. Das hat den Tätern bzw. Regimen viel Zeit verschafft, Beweise zu vernichten und/oder zu verfälschen. Bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen in der Ukraine wird der technische Fortschritt erheblich zu einer raschen Beweisfindung und zu Anklagen am ICC (Internationaler Strafgerichtshof, Anm.) führen.

Reicht das momentane internationale strafrechtliche Instrumentarium aus?
Obruca: Mit der Errichtung des permanenten Gerichtshofs ICC sind die Voraussetzungen zur Untersuchung und Verurteilung derartiger Verbrechen gegeben. Das Problem ist jedoch, dass 70 der 193 UNO-Staaten die Rechtsprechung des ICC nicht respektieren. Russland ist einer davon. Das heißt, dass auf russischem Boden keine Ermittlungen geführt werden können und auch keine Kooperation stattfinden wird. Im Gegensatz dazu akzeptiert die Ukraine seit 2014 die Rechtsprechung des ICC, was dazu geführt hat, dass der ICC seine Ermittlungen bereits aufnehmen konnte.

Können Sie einschätzen, wie sich der Krieg in der Ukraine weiter entwickeln wird?
Obruca: Das ist schwierig zu beurteilen. Ich hoffe, dass es rasch eine diplomatische Lösung gibt. Das ist der einzige Weg, den Menschen noch mehr Leid, Schmerz und Zerstörung zu ersparen und den Krieg hoffentlich nicht über die Ukraine hinauszutragen. Leider sind in den vergangenen Monaten viele Schicksale entstanden, die jenem von Adnan in meinem Buch gleichen. Daher muss umso mehr danach getrachtet werden, dass man den Menschen auch die „hässliche Fratze“ der Menschheit vor Augen führt. Nur so kann man dieser Spirale des Todes und der Zerstörung entkommen.