Klimaökonom Gernot Wagner: „Speckgürtel belasten Klima“. Im Gespräch mit Klimaökonom Gernot Wagner über die (Klima-)Effizienz des urbanen Lebens und den Bahnhof Tullnerfeld.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 24. Juni 2021 (03:49)
Gernot Wagner
Der gebürtige Amstettner Klimaökonom Gernot Wagner lebt mit seiner Familie in New York . Sein neues Buch „Stadt, Land, Klima - Warum wir nur mit einem urbanen Leben die Erde retten“ ist im Brandstätter Verlag erschienen.
Jordon Graham

NÖN: Sie kritisieren in Ihrem Buch Einfamilienhaus-Siedlungen in Vororten. Stadtflucht sei ineffizient und klimaschädlich. Warum?

Gernot Wagner: Es geht nicht um eine Debatte „Stadt gegen Land“. Mein Buch ist ein Liebesbrief an die Stadt und das Land. Beide sind fantastisch. Es geht mir um die Speckgürtel. In der Stadt ist der CO2-Verbrauch pro Person relativ niedrig, genauso niedrig ist er im „echten Land“. Im Speckgürtel hingegen ist er doppelt so hoch. Flächenfraß und Bodenversiegelung, das „Heim im Grünen“ in den Vororten und Speckgürteln und die dadurch verursachte Auto-Pendlerei belasten die Klimabilanz schwer. In der Stadt lebt es sich effizienter, CO2-neutraler und multifunktionaler. Die Wertschöpfung pro Kopf ist in der Stadt unschlagbar hoch und wächst weiter.

Was verstehen Sie unter „echtem Land“?

Wagner: Am Land vom Land leben. Nachhaltiges Wohnen am Land wäre zum Beispiel ein CO2-neutrales Passivhaus, mit großer Solaranlage, Wärmepumpe und einem E-Auto, dessen Batterie in der Garage aufgeladen wird und dem Stromnetz Stabilität gibt. Der Kühlschrank ist mit lokalen Produkten gefüllt, der Weg in Schule, Arbeit und Freizeit wird klimaneutral zurückgelegt. Das ist ein schönes Ideal, und derzeit natürlich hauptsächlich Utopie. Über fünfzig Prozent der Weltbevölkerung leben in Städten, bis zu zehn Prozent wohnen am Land, der Rest wohnt „dazwischen“, in den vielen Varianten der Vororte.

Eine Jungfamilie mit zwei Kindern zieht von der Stadt aufs Land ins Eigenheim mit Garten und schafft sich ein zweites Auto zum Pendeln in die Arbeit an. Sie sprechen hier von Lock-In-Effekten. Was bedeutet das?

Wagner: Die Einzementierung von Emissionen auf Jahrzehnte. Die Entscheidung, ob ich vegetarisch oder nicht vegetarisch esse, ist dagegen sehr einfach: Man kann sie drei Mal täglich treffen. Beim Wohnen ist das nicht der Fall. Wir haben ja diese noblen Ziele in Amerika und in der EU, bis 2050 klimaneutral zu sein. Das ist noch weit, aber in Wohndimensionen doch gleich ums Eck. Bau- und Sanierungskredite laufen oft bis zu 25 Jahre, manchmal länger. Das heißt, der Bank gehört noch ein Teil des Hauses oder der Wohnung, wenn sie schon längst CO2 -neutral sein sollten. Vielen Menschen stellt sich die Wohnungsfrage nicht, der Mittelschicht jedoch schon. Es ist eine Entscheidung mit großen Konsequenzen. Und dabei geht es allzu oft um die Wahl Stadt, „echtes Land“ oder eben Einfamilienhaus im Speckgürtel.

Wie bewerten Sie Nebenwohnsitze im Grünen?

Wagner: Natürlich sind zwei Wohnsitze schlechter fürs Klima als einer. Es geht ja auch nicht darum, dass wir alle sofort in Städten leben müssen: Alle zurück in die Plattenbauten in Ostberlin! Nein. Es ist eine äußerst persönliche Entscheidung, welches Leben ich mit meiner Familie führen will. Konkrete Studien weisen aber darauf hin, wie oft diese persönliche Frage gesellschaftlich und freundschaftlich motiviert ist, dass eine Familie mit zwei Kindern mehr Platz braucht, weil das halt so ist. Die Quadratmeter steigen von Generation zu Generation. Die Wohnfläche und Zimmeranzahl liegt in Amerika noch höher als in Europa. Die Werbung trichtert uns seit Jahrzehnten ein, dass ein eigenes Auto Freiheit bedeutet, das Einfamilienhaus das Ziel schlechthin ist für Kinder und Familien. Ein jeder Wirtschaftszweig, bis hin zum Scheidungsanwalt, verdient daran.

Der Bahnhof Tullnerfeld liefert Ihrer Meinung nach falsche Anreize. Was stört Sie daran?

Wagner: Das Argument vor dem Bahnhofsbau, dass dort lebenden Anrainern eine Alternative zum Auto für die Fahrt nach Wien geboten wird, ist ja gut. Der Umstieg von Auto auf Zug ist ein Punkt für den Bahnhof. Ein Resultat ist aber, dass immer mehr Jungfamilien dort ihr Einfamilienhaus errichten. Das wurde durch den Bahnhof erst ermöglicht. Er wurde nicht gebaut, um Menschen aus Tulln eine schnellere, direkte Verbindung nach Wien zu ermöglichen (Anm.: die durch die Franz-Josefs-Bahn jetzt kommt), sondern um neues Wohngebiet zu erschließen – für Einfamilienhäuser. Dadurch ergeben sich viele ökonomische, sozialpsychologische und klimatechnische Zielkonflikte. Zersiedlung, Bodenfraß, Ressourcenverbrauch und höheres Verkehrsaufkommen sind nur einige klimaschädliche Nebenwirkungen dieses immer weiteren Wiener Speckgürtels.

Was wäre die Alternative zum Bahnhof gewesen?

Wagner: Die Stadt Tulln gibt es schon seit Römerzeiten. Im Tullner Stadtkern ist alles sehr leicht erreichbar. Ob Tulln, Krems, oder sonst wo: Es geht um die Aufwertung der Stadt selbst. Das Leben in Tulln ist jetzt schon effizient – wie so fast in jeder anderen Stadt– und kann natürlich noch viel effizienter und umweltfreundlicher werden. Auf dem Weg in die Arbeit bringt der Elternteil auf kurzem Weg die Kinder in den Kindergarten, nimmt sich einen Kaffee mit und fährt mit dem Zug weiter in die Arbeit. Das ideale, idealisierte Stadtleben eben. Es gibt natürlich auch sehr schwierige Konflikte zwischen Stadt und Land, deren man sich sehr bewusst sein muss, wie die Frage, ob die Politik den Ausbau einer Seestadt Aspern, den Umbau zu urbanem Siedlungsgebiet am ehemaligen ÖBB-Areal in Amstetten oder eben den Umzug von Wiener Jungfamilien ins Tullnerfeld fördern will.

CO2-Fußabdruckrechner können Bewusstsein schaffen für den eigenen CO2-Verbrauch. Reicht das?

Wagner: Sicherlich nicht. Wer hat denn die CO2-Rechner eingeführt? Ölunternehmen wie BP haben den CO2-Rechner erstmals populär gemacht. Es liegt in deren Interesse, uns als Umweltschützer und Konsumenten anzuleiten, eine CO2-Diät zu halten. Die wissen genau, dass das keinen Unterschied macht. Das System ist so aufgebaut, dass wir derzeit ohne fossile Brennstoffe nicht auskommen. Ölkonzernen geht es mehr um eine Öl-Kesselförderung als um eine CO2-Reduktion. CO2-Fußabdruckrechner, die von Ölfirmen gepusht werden, fallen unter „Green washing“ und sind ein Ablenkungsmanöver. Auch hier muss die Politik Schranken einführen und regulieren.