Der Trend geht zum Wahlarzt. 38 Kassenstellen sind in Niederösterreich unbesetzt. „Schere geht immer weiter auf“, ist Patientenanwalt Gerald Bachinger besorgt.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 23. September 2020 (05:34)
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Auf 230 Einwohner kommt in NÖ ein Arzt. Im internationalen Vergleich ist dieses Verhältnis gut. Trotzdem reißen Klagen über fehlende – kostenlose – Ärzte nicht ab. Gerade im öffentlichen Gesundheitssystem gibt es Schwierigkeiten, Stellen nachzubesetzen. In einigen Regionen ist das Problem akut: In Laa/Thaya verlässt Anfang Oktober etwa die letzte praktische Kassenärztin die Stadt. Im Bezirk Lilienfeldgibteskeinen Kinder-Kassenarzt mehr.

Aus einer parlamentarischen Anfrage der NEOS geht hervor, dass NÖ das einzige Bundesland sei, in dem die Zahl der Kassenärzte in den vergangenen Jahren leicht angestiegen ist. Überall anders ist die Zahl der Kassenärzte weiter gesunken. Die ÖGK betont außerdem, dass sie in diesem Sommer 19 neue Hausärzte als Vertragspartner begrüßen konnte. Patientenanwalt Gerald Bachinger zeigt sich aber auch um NÖ besorgt. „Die Schere zwischen Kassen- und Wahlärzten geht immer weiter auf.“

Viele Leute werden in den Wahlarztbereich gezwungen Patientenanwalt Gerald Bachinger

„Etwa 2003 haben Wahlärzte die Kassenärzte zahlenmäßig eingeholt“, sagt Ärztekammer-NÖ-Präsident Christoph Reisner. Insgesamt stehen hierzulande in der Allgemeinmedizin 1.410 Kassenvertragsärzte 2.135 Wahlärzten gegenüber. Momentan sind laut ÖGK 22 Stellen für Allgemeinmedizin unbesetzt. Hinzu kommen 16 Facharztstellen. Elf davon sind Kinderärzte.

Auch Urologen und Neurologen fehlen

In dem Bereich schlugen deshalb die NEOS NÖ Alarm. Wie wiederum aus einer parlamentarischen Anfrage hervorgeht, hat sich die Zahl der Vertragsärzte für Kinder- und Jugendheilkunde in ganz Österreich um 13 reduziert. Die Zahl der Wahlärzte ist um 22 gestiegen. NÖ habe mit fünf Kassenstellen die meisten „verloren“, kritisiert die pinke Gesundheitssprecherin Edith Kollermann. Ebenfalls Probleme, Ärzte zu finden, gebe es laut Bachinger etwa bei Urologen und Neurologen, aber auch im Bereich Allgemeinmedizin.

Zwar entscheiden sich viele Menschen bewusst für einen Privatarzt, weil sie sich davon raschere Termine oder mehr Zeit für die Behandlung erwarten. „Viele Leute werden aber in den Wahlarzt-Bereich gezwungen. Sie zahlen Sozialversicherung, können aber nicht zu einem Kassenarzt gehen“, sagt Bachinger.

Die Ursache sieht der Patientenanwalt in veraltenden Strukturen. Junge Mediziner wollen keine Einzelordinationen mehr, ist er überzeugt. Eine Veränderung beobachtet hier auch Reisner. Außerdem sei ein Kassenvertrag längst nicht mehr so attraktiv. „Daher kündigen immer mehr Ärzte den Vertrag, um als Wahlarzt weiterzuarbeiten, oder sie entscheiden sich von Beginn an für die wahlärztliche Tätigkeit.“ Bei der ÖGK hingegen heißt es, dass gerade bei Kinderärzten zu wenige ausgebildet wurden.

Mögliche Rezepte gegen den Mangel kommen von vielen Seiten. Häufig genannt werden Primärversorgungszentren. Außerdem die Möglichkeit des Führens von Hausapotheke, die Kassenarztstellen attraktiver machen soll.