„Dahoam“ auch im Hochgebirge. Schutzhütten in Osttirol und Salzburg im Besitz von Niederösterreichern? Das hat Tradition und birgt Konfliktpotenzial.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 20. August 2021 (05:17)

Wenn Philipp Fahrngruber und seine Kameraden nach vier Stunden Fahrt auf 2.000 Meter Höhe aus dem Auto steigen, haben sie schon mehrere hundert Kilometer von St. Pölten aus zurückgelegt. Links ragt der Großvenediger auf, der Tauernbach schnellt vorbei, rechts liegt ein offenes Tal mit saftigen Wiesen (und einer Starkstromleitung). Viel Zeit zum Staunen bleibt nicht:

Der Trupp aus Niederösterreich ist nicht zum Spaß da, sondern zum Arbeiten. Denn hier, an der Salzburger Grenze zu Tirol auf dem Gebiet des Nationalparks Hohe Tauern liegt die St. Pöltner Hütte. Und die gehört nicht etwa den Salzburgern, sondern der Alpenvereinssektion St. Pölten. Nicht weit entfernt, in Osttirol, liegt die Badener Hütte, und auch sie gehört einer niederösterreichischen Vereinssektion. Im Osttiroler Teil des Nationalparks ist fast die Hälfte des Grundes im Besitz alpiner Vereine. Im Salzburger Teil sind es rund zwei Prozent.

"Ein bisschen wie Kolonialismus"

Dass die beiden Hütten in Osttirol und Salzburg und die dazugehörigen Wege nach wie vor von Niederösterreichern betreut werden, hat historische Gründe, erzählt Peter Kapelari. Er war bis vor kurzem Leiter der Alpenvereins-Abteilung Hütten und Wege. „Als Alpinismus und Bergtourismus aufkamen, investierten Mäzene aus Wien, Niederösterreich, aber auch aus Deutschland und Tschechien in Hütten in bergigen Regionen. Das war ein bisschen wie Kolonialismus“, sieht Kapelari die Entstehungsgeschichte durchaus kritisch. „Sie schufen sich damit eine alpine Heimat. Es ging auch um Entwicklungshilfe für die lokalen Bauern durch Zusatzeinnahmen aus dem Tourismus.“

Diesem „Run“ auf die Berge schlossen sich die St. Pöltner und die Badner Alpinisten relativ spät an. Die Badener (erbaut 1911-12) und die St. Pöltner Hütte (erbaut 1913-22) sind daher abgelegener als andere.

Mehrmals im Jahr, von Ende Mai bis Mitte September, fährt pro Sektion eine Handvoll Ehrenamtlicher für mehrere Tage in die Alpen. Sie bessern Hüttendächer aus, streichen Wegmarkierungen neu, reparieren Schilder und Geländer – und zwar unentgeltlich. Eine Herausforderung ist die Logistik. Die Arbeiten erfordern oft monatelange Vorbereitung.

Ehrenamtliche Arbeit in bergigen Extremlagen

Ein gutes Stück Weg muss man das Material hinauftragen. Für Hubschrauberflüge muss man Wochen vorher ansuchen. Viele nehmen sich für die Arbeiten extra Urlaub. „Wenn Sie einmal dort waren, wissen Sie, warum. Es ist die Arbeit wert“, sagt Georg Kaiser, Vorstand der Vereinssektion Baden. Der Pensionist fährt selbst seit 20 Jahren mit zur Badener Hütte. Seine Sektion betreut diese als einzige Hütte in ganz Österreich. Jene in Baden selbst übernehmen andere Gruppen.

Dass durch die Entfernung der Niederösterreicher zu den Hütten und Wegen alles etwas länger dauert, ist ein Nachteil. Doch durch die Höhe ist das Arbeitsgebiet kaum von schweren Naturschäden betroffen, sagen beide Sektionen. Kleine Steinschläge beseitigen sie selbst. Trotzdem fallen schwierigere Arbeiten an, und manchmal muss schnell reagiert werden. Deswegen finanzieren der Nationalpark, der österreichische und der deutsche Alpenverein gemeinsam einen professionellen Wegebautrupp der Sektion Matrei in Osttirol.

Sieht die lokale Bevölkerung es skeptisch, dass Leute von anderswo für Hütten und Wege in ihrem Gebiet zuständig sind? Nein, sagt Maria Niederegger, die den Matreier Wegebautrupp koordiniert. „Wir sind froh, dass sich Ehrenamtliche bei uns darum kümmern. Das ist nicht selbstverständlich.“ „Natürlich sind wir Zuagroaste“, sagt Wegereferent Fahrngruber. Mit den lokalen Sektionen kommt man im Grunde aber gut aus, sagt auch Kaiser: „Bei Not sind sie da.“

Aufgeben werden Baden und St. Pölten die Arbeit am anderen Ende von Österreich auch in Zukunft nicht: „Dafür haben unsere Vorfahren zu viel investiert.“