Alois Schwarz: „Kirche war in der Krise überall“. Bischof Alois Schwarz über die ersten zwei Jahre in St. Pölten, den diözesanen Reformprozess und Lehren aus Corona.

Von Walter Fahrnberger und Daniel Lohninger. Erstellt am 01. Juli 2020 (05:42)
Diözesanbischof Alois Schwarz zog im Gespräch mit den NÖN-Chefredakteuren Daniel Lohninger (l.) und Walter Fahrnberger (r.) Bilanz nach zwei Jahren in St. Pölten.
Erich Marschik

NÖN: Am 1. Juli sind Sie genau zwei Jahre in St. Pölten tätig. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Alois Schwarz: Ich bin sehr gerne hier in St. Pölten, in Niederösterreich. Es ist ein Land, das enorm viel Potenzial hat. Ich habe versucht, die Beteiligung zu stärken, möglichst viele Menschen in die Verantwortung einzubeziehen und mitgestalten zu lassen. Wir haben den Pastoralrat gegründet, den Diözesanrat, und demnächst wird es auch eine Frauenkommission geben.

Die ersten Monate Ihrer Amtszeit in St. Pölten waren geprägt von den Vorwürfen aus Ihrer Zeit in Kärnten. Außer dem Finanzverfahren ist nichts übrig geblieben. Sehen Sie sich rehabilitiert?
Ich habe mich immer mit ganzer Leidenschaft für die Menschen hier in Niederösterreich eingesetzt. Das habe ich in Kärnten auch.

Das Diözesanmuseum in St. Pölten wurde umgebaut und völlig neu gestaltet. Coronabedingt mussten Sie die Eröffnung auf 2021 verschieben. Wo sehen Sie die Rolle des Museums und des Domplatzes, der ja ebenfalls neu gestaltet wird?
Das Museum am Dom – so ist der neue Name des Diözesanmuseums – macht deutlich, dass es eine große Ausdruckskraft des gebauten Glaubens gibt. Der Glaube drückt sich in Bildern und Bauwerken aus. Das war immer so und ist auch heute noch so – und so muss auch das Museum positioniert werden. Der Domplatz spielt für die Diözese St. Pölten eine große Rolle. An den Markttagen merkt man heute schon, welche Kraft der Platz hat. Er lebt nicht von den Autos, die hier geparkt werden, sondern von den Menschen, die hier staunend stehen und einander begegnen. Für mich gehören die St. Pöltner Plätze zusammen: Landhausplatz, Domplatz, Rathausplatz. Diese drei wichtigen Plätze sind wie Perlen auf einer Kette.

Etwa 5.300 Menschen sind in der Diözese im Vorjahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Welche Auswirkungen wird Ihrer Meinung nach die Coronakrise auf diese Entwicklung haben?
Ich glaube, dass viele Menschen in diesem Land eine hohe Wertschätzung der Kirche gegenüber haben, und ich bin allen sehr dankbar, die das Leben der Kirche auch finanziell mittragen. Gerade in der Krise schauen die Menschen dorthin, wo ihnen jemand Halt gibt. Und ich hoffe, dass wir als Kirche da der erste Anbieter sind.

Bischof Alois Schwarz
Erich Marschik

Welche Erfahrungen aus der Coronakrise nehmen Sie für die Zukunft mit?
Wir haben sehr viel gelernt. Die hohen Zugriffszahlen bei Gottesdiensten beispielsweise auf NÖN.at, Kurzfilme mit kirchlich-religiösen Inhalten, die über WhatsApp verschickt wurden, die digitalen Lebenshilfe-Angebote – Kirche war in diesen Tagen überall, und sie hat einen enormen Zuspruch erlebt. Wir haben ganz neue Erfahrungen gemacht und nehmen viele davon in die Zukunft mit. Ich nehme aber auch mit, dass der Gottesdienst, in dem wir einander begegnen, durch nichts zu ersetzen ist.

Was sagen Sie zur Kritik, dass die Corona-Maßnahmen zu restriktiv gewesen seien?
Wir Österreicher haben einander geschützt. Die Intensivstationen sind wieder fast leer von Corona-Patienten. Die von der Bundesregierung festgelegten Maßnahmen waren die Grundlage dafür, dass wir überlebt haben. Generell sind die Menschen vorsichtiger geworden und nehmen ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusster wahr.

Bei Bestattungen und im Hospizbereich waren die Vorgaben aber schon sehr streng.
Ja, es stimmt: Manche haben große Opfer gebracht, indem sie sich an Vorgaben und Verordnungen gehalten haben. Denen sind wir auch dankbar, weil sie ermöglicht haben, dass andere überleben konnten. Auch wenn es ganz, ganz schwer war für sie.

Sie haben vor einigen Tagen einen Reformprozess in der Diözese angekündigt. Was ist das Ziel?
Mein Ziel ist, dass wir eine zukunftsfähige, lebensfördernde, ermutigende Kirche in diesem Land sind, dass die Leute wissen, wofür die katholische Kirche in Niederösterreich steht. Wo schenkt sie mir Spiritualität, ethische Ausrichtung, innere Grundorientierung, wo schenkt sie mir die Kraft? Und da habe ich gesagt, schauen wir mal, ob unsere Organisation dem dienlich ist, gut dienen kann.

Was soll herauskommen?
Wir wollen direkter zu den Menschen kommen und gemeinsam zu einem neuen Miteinander kommen. Die Pfarrstruktur soll nicht verändert werden. Aber wenn wir eine sehr gut organisierte Struktur in der Diözesanleitung stellen, dann können wir den Pfarren entsprechende Hilfe bieten.

Sie haben in Ihrem Antrittsinterview in der NÖN gesagt, dass Sie die Rolle der Laien stärken wollen. Was ist dahingehend passiert?
Wir haben sehr gute Frauen und Männer in unseren Dörfern, die nicht nur die Kirche auf- und zusperren, die vorbeten am Sonntag, die, wenn der Pfarrer nicht da ist, einen Gottesdienst halten. Die Einbindung der Gläubigen ist stärker geworden. Mir geht es um eine Ermächtigung derer, die das tun. Ein Beispiel dafür ist der Ausbildungskurs für Begräbnisleiterinnen und Begräbnisleiter, der bald beginnt. Diese Frauen und Männer werden dann Begräbnisse halten. Nicht nur immer der Pfarrer, sondern auch jemand, der vor Ort ist, die Leute kennt, die Familien kennt und sie begleitet, ganz persönliche Worte sagen kann.

In diesen Tagen geht das letzte Semester an der philosophisch-theologischen Hochschule in St. Pölten zu Ende. Wie leicht fiel Ihnen die Entscheidung, diese Hochschule zu schließen?
Das war keine leichte Entscheidung. Aber die philosophisch-theologische Hochschule hat vor allem den Dienst gehabt, für die Priesterausbildung vor Ort zu sorgen. Die Priesterausbildung ist schon vor meiner Zeit nach Wien gewandert. Jetzt bilden wir hier Theologen oder Religionslehrer aus. Und da haben wir im Umkreis Einrichtungen in Wien, Heiligenkreuz, Trumau und Linz. Was mir abgeht, ist eine Einrichtung, die der Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Nachdenken über den Glauben dient, über Ethik und Spiritualität. In diese Richtung wird es in Zukunft gehen.