Klaus Küng: „Vieles ist anders gekommen“. Klaus Küng im Gespräch über seinen 80. Geburtstag, seine Zeit als Bischof in St. Pölten und seine Lehren aus Corona.

Von Walter Fahrnberger und Daniel Lohninger. Erstellt am 16. September 2020 (05:56)
Der ehemalige St. Pöltner Diözesanbischof Klaus Küng feiert am Donnerstag, 17. September, seinen 80er.
Erich Marschik

Sie sind seit eineinhalb Jahren weg aus St. Pölten. Wie intensiv verfolgen Sie noch, was in der Stadt und der Diözese passiert?

Klaus Küng: Durch die Corona-Pandemie sind meine Kontakte in den letzten Monaten etwas reduziert, aber ich folge den Aktivitäten in St. Pölten und in der Diözese mit großem Interesse. In den nächsten Wochen habe ich wieder vermehrt Termine: Firmungen, einen Vortrag und anderes.

Was ist Ihnen aus Ihrer Zeit in St. Pölten besonders in Erinnerung geblieben?

Küng: Sehr vieles, wie bestimmte Feierlichkeiten im Dom wie meine Amtseinführung, mein silbernes Bischofsjubiläum, Priesterweihen, die Bischofsweihe von Weihbischof Anton, das große Jubiläum der Stadt St. Pölten. Gerne denke ich auch an die Abtbenediktionen in den Stiften Geras, Göttweig, Altenburg, Seitenstetten, Zwettl oder an die Altarweihe in Maria Taferl sowie den Renovierungsabschluss des Wachauer-Doms in Krems. Unvergesslich sind manche Wallfahrten auf den Sonntagberg – ganz abgesehen von den unzähligen Pfarrbesuchen, Begegnungen unterschiedlichster Art und den Ausflügen in die Natur.

Sie werden am 17. September 80 Jahre alt. Wie zufrieden blicken Sie auf Ihr bisheriges Leben zurück?

Küng: In meinem Leben ist vieles ganz anders gekommen, als ich es mir ursprünglich vorgestellt habe. Zunächst studierte ich Medizin, wie es seit meiner frühesten Jugend an mein Plan war. Während meines Studienaufenthaltes in Wien lernte ich das Opus Dei kennen, wodurch sich mein Leben völlig verändert hat. Den Arztberuf habe ich mit Begeisterung ausgeübt. Als ich aber gefragt wurde, ob ich bereit wäre, Priester zu werden, dachte ich mir: Ärzte gibt es genug. So kam es, dass ich in Rom Theologie studierte. 1970 wurde ich zum Priester geweiht und war gern Priester. Dann passierte etwas, das ich mir nie vorstellen hätte können: Papst Johannes Paul II. ernannte mich 1989 zum Bischof von Feldkirch und 2004 zum Bischof von St. Pölten. Beides war nicht einfach. Aber ich habe diese Aufgaben ebenfalls lieben gelernt, auch wenn sie mir viel abverlangt haben.

Mit dem Wissen von heute – was würden Sie anders machen?

Küng: Ich musste vieles lernen und Erfahrungen sammeln. Heute würde ich wahrscheinlich manches anders anpacken. Was ich aber schon sagen kann: Ich habe mich immer bemüht, so gut ich konnte, dem zu entsprechen, was von mir erwartet wurde.

Vor Kurzem haben Sie ihr 50-jähriges Priester-Jubiläum gefeiert. Was bedeutet Ihnen diese lange Zeit im Dienste Gottes?

Küng: Es waren sehr intensive Jahre, die schnell vergangen sind. Als Priester begegnet man vielen Menschen und den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Oft durfte ich längere Strecken als Wegbegleiter mitgehen, wurde Zeuge von Heilungsvorgängen und Reifungsprozessen, manchmal auch von Schicksalsschlägen. Das hat mein eigenes Leben verändert. Ich würde wieder Ja sagen, wenn man mich fragte, ob ich bereit sei, es nochmals zu tun. Beim Zurückschauen auf diese 50 Jahre bin ich sehr dankbar.

Sie waren als Bischof Jahrzehnte lang rund um die Uhr im Einsatz. Jetzt leben Sie zurückgezogen in Wien. Geht Ihnen etwas ab?

Küng: Ich bin froh, dass ich weniger gestresst bin. Manche bischöfliche Verpflichtungen wie Sitzungen gehen mir sicher nicht ab. Eigentlich ist mein Leben auch jetzt gut ausgefüllt. Ich bin dafür dankbar, dass ich jetzt mehr Ruhe und Zeit für Gebet und Lektüre habe, auch für die Vorbereitung von Predigten ist das angenehm und von Vorteil. Ich tue jetzt wieder mehr das, was ich immer gern getan habe.

Wie aktiv sind Sie noch als Seelsorger im Einsatz?

Küng: Heilige Messe feiere ich täglich, oft übernehme ich Messen in öffentlichen Kirchen, regelmäßig stehe ich für die Spendung des Bußsakramentes zur Verfügung, halte fast monatlich Einkehrstunden, immer wieder Exerzitien. Weiterhin bin ich Firmspender, jetzt auch in der Erzdiözese Wien. Ich werde außerdem zu unterschiedlichsten religiösen Feiern eingeladen. Langeweile ist bis jetzt nicht mein Problem.

Die Corona-Pandemie hält uns alle in Atem. Wie beurteilen Sie als Mediziner die aktuelle Situation – und die von der Bundesregierung gesetzten Maßnahmen?

Küng: Nach meinem Eindruck entsprechen die Reaktionen der Bundesregierung dem Informationsstand der Medizin und des Gesundheitswesens. Bezüglich einzelner Maßnahmen mag es Ermessensspielraum geben, aber ich gehe davon aus, dass die Maßnahmen von der Regierung verantwortungsbewusst festgelegt werden. Kritisieren kann man immer.

Wie gehen Sie als gläubiger Mensch mit dieser Bedrohung durch das Coronavirus um?

Küng: Immer leben wir in Gefahr. Ich halte es für vernünftig, sich so zu verhalten, andere und sich selbst nicht unnötig einer Gefahr auszusetzen. Das gilt auch bezüglich einer möglichen Ansteckung durch das Corona-Virus. Mir ist es wichtig, so zu leben, dass ich mit ruhigem Gewissen sagen kann: Mein Leben ist in Gottes Hand. Wovor soll ich mich fürchten?

Verspüren Sie bei den Menschen jetzt in der Krise einen stärkeren Drang nach Halt im Glauben?

Küng: Ich kenne viele Menschen, denen Gott ein fester Halt ist, auch jetzt, in der Zeit einer Pandemie. Es gab in den vergangenen Monaten viele, die sehr darunter gelitten haben, als es plötzlich nicht möglich war, Gottesdienste zu besuchen, und über den Kreis der regelmäßigen Gottesdienstbesucher hinaus spürte man etwas von religiöser Sehnsucht. Die Reaktionen auf so ein Ereignis sind unterschiedlich.