Lackenberger: "Finanzielles Wissen ist oft dürftig“ . Michael Lackenberger, Geschäftsführer der NÖ Schuldnerberatung, über die fehlende Finanzbildung junger Menschen.

Erstellt am 26. November 2017 (04:25)
Erich Marschik
„Der Umgang mit Geld ist oft ein leichtfertiger. Wir fordern seit Jahren, dass in den Pflichtschulen eine Finanzbildung eingeführt werden muss“, sagtMichael Lackenberger, Geschäftsführer der Schuldnerberatung NÖ.

NÖN: 72.513,97 Euro betrug 2016 die durchschnittliche Verschuldung der Klienten der NÖ Schuldnerberatung. Wann spricht man denn überhaupt von einer Verschuldung oder einer Überschuldung?

Michael Lackenberger: Von Verschuldung spricht man, wenn jemand Verbindlichkeiten gegenüber einem oder mehreren Gläubigern hat. Man kann aber die Forderungen noch zeitgerecht bedienen. Überschuldung liegt vor, wenn die Verbindlichkeiten höher sind als die Vermögenswerte. Der Begriff „Überschuldung“ wird hauptsächlich bei Unternehmen verwendet. Bei Privatpersonen spricht man von Zahlungsunfähigkeit. Zahlungsunfähigkeit liegt vor, wenn man seine fälligen Forderungen nicht mehr in einem angemessenen Zeitraum bezahlen kann.

Welche sind die häufigsten Gründe für eine Verschuldung?

Lackenberger: Die häufigsten Verschuldensursachen sind Arbeitslosigkeit/Einkommensverschlechterung, gescheiterte Selbständigkeit, Scheidung/ Trennung und falsches Konsumverhalten. Es ist fast immer ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren.

„Einige Ursachen für eine Überschuldung geschehen unerwartet, weshalb man sich darauf nur schwer vorbereiten kann.“  Michael Lackenberger, Geschäftsführer der NÖ Schuldnerberatung

Das bedeutet, dass Verschuldungen oft aus ungeplanten Geschehnissen resultieren?

Lackenberger: Genau. Einige Ursachen für eine Verschuldung geschehen unerwartet, weshalb man sich darauf nur schwer vorbereiten kann. Meist wird in den Medien falsches Konsumverhalten in den Mittelpunkt gestellt, was von uns jedoch nur an vierter Stelle gereiht wird. Die Realität sieht oft anders aus: Wenn ich gut verdiene, richte ich mir dementsprechend meinen Lebensstandard ein – eine größere Wohnung, ein teureres Auto, mehr Ausgaben im Freizeitbereich etc. Verliere ich diesen Job, ist es dementsprechend auch schwieriger, das aufrecht zu halten. Oder bei einer Trennung oder Scheidung: Aus einem Haushalt werden zwei, statt vorher einem Auto müssen nun zwei bezahlt werden etc.

Kommen wir kurz auf das Konsumverhalten: Inwiefern macht sich der Trend zu Online-Einkäufen in der Schulden-Bilanz bemerkbar?

Lackenberger: Das schlägt sich schon nieder. Den größten Anteil beim falschen Konsumverhalten nehmen jedoch Konsumkredite ein. Vor allem im Elek- tronikfachhandel, wenn man durch Ratenzahlung zum Kauf von mehreren Produkten verlockt wird, ohne, dass vorher die Liquidität überprüft wird. Der Käufer wird von einer niedrigen Rate geblendet, kauft mehrere Produkte auf diese Weise ein und bedenkt nicht, dass sich die Raten dadurch häufen und die Kosten explodieren. In solchen Situationen zeigt sich oft, dass das finanzielle Wissen generell sehr dürftig ist, weshalb die Schuldnerberatung auch präventiv tätig ist − in Form von Budgetberatungen oder dem betreuten Konto.

Der Schuldnereport 2017 legt dar, dass 40 Prozent der Klienten arbeitslos sind und eine Pflichtschule als höchsten Bildungsabschluss haben.

Lackenberger: Grundsätzlich betreuen wir Klienten aller sozialen Schichten. Es zeigt sich aber, dass die Ausbildung einen hohen Einfluss darauf hat, wie leicht man in Schuldenfallen tappt. Menschen mit höherer Ausbildung haben ihre finanzielle Gebarung besser unter Kontrolle und können Probleme leichter erkennen und entsprechend gegensteuern. Ist man beispielsweise infolge eines Jobverlustes verschuldungsgefährdet, hilft in der Regel eine gute Ausbildung bei der Jobsuche, da die Zeit der Arbeitslosigkeit meist dadurch verkürzter ist, als bei jenen, die nur einen Pflichtschulabschluss haben.

Aus dem Schuldenreport ergeht außerdem, dass die Überschuldung der 31- bis 40-Jährigen mit 26,8 Prozent den größten Teil einnimmt. Woran liegt das?

Lackenberger: In diesem Alter beginnen die ersten „Lebensprobleme“: Jobverlust, Trennung, Krankheit. Junge Paare beginnen einen eigenen Hausstand zu gründen, kaufen sich ein Auto etc. Dann passiert etwas – meist ist es auch hier ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – und schon entwickeln sich Schwierigkeiten mit der Zahlungsfähigkeit.

Die Zahlungsschwierigkeiten bei unter 25-Jährigen nehmen zu. Zeichnet sich hier ein Trend ab? Verlernen künftige Generationen mit Geld umzugehen?

Lackenberger: Das befürchte ich schon. Wo soll der Umgang mit Geld denn auch gelernt werden? Zu Hause geschieht das nicht mehr – aus unterschiedlichen Gründen: Die Eltern haben keine Zeit, wissen es selbst nicht oder können ihren Kindern den Umgang mit Geld nicht richtig vermitteln. Die einzige Möglichkeit ist die Schule. Hier fehlen jedoch die Ressourcen.

Die Ursachenbekämpfung von Verschuldung muss also in der Schule beginnen.

Lackenberger: Wir fordern seit Jahren, dass in den Pflichtschulen eine „Finanzbildung“ eingeführt werden muss. Am besten schon in der Volksschule und verstärkt in der Altersgruppe der 16-Jährigen, wenn Themen wie Moped und Führerschein aktuell werden. Das Finanzwissen unserer Jugendlichen ist äußerst schlecht. Wir versuchen, mit Schulvorträgen und unserem Projekt NÖ Finanzcard den Jugendlichen eine gewisse finanzielle Bildung mitzugeben. Wir erklären den Schülern beispielsweise die Unterschiede zwischen Brutto- und Nettolohn, das Lesen eines Kontoauszugs, was kostet ein Handyvertrag, welche „Verkaufsfallen“ es in den Kaufhäusern gibt etc. Allerdings sind unsere Mittel dafür bei Weitem nicht ausreichend, um dieses Präventionsprojekt flächendeckend in Niederösterreich anzubieten.

Was wäre denn notwendig, um Verschuldung generell zu reduzieren?

Lackenberger: Es muss zunächst bewusst werden, dass Finanzbildung nicht nur für jeden Einzelnen wichtig ist, sondern auch für die Gesellschaft im Ganzen.

Fördern Angebote, wie zum Beispiel schnelle Online-Kredite, den leichtfertigen Umgang mit Geld?

Lackenberger: Ja, und zwar dann, wenn Online-Kredite, die bis zu Abschlüssen von 30.000 Euro reichen, ohne ein Beratungsgespräch und manchmal sogar ohne genaue Überprüfung der Liquidität angeboten werden. Deshalb befürchten wir, dass sich dieser Zugang zum „schnellen Geld“ in rund fünf Jahren auch in der Bilanz der Schuldnerberatung auswirken wird.

Anfang November tritt eine Reform des Insolvenzrechts in Kraft: Schuldner sind künftig nach fünf Jahren entschuldet, weil die Pfändung des Einkommens auf fünf Jahre verkürzt wurde und die Mindestquote von 10 Prozent der Schulden wegfällt. Begrüßen Sie diese Entwicklung?

Lackenberger: Auf jeden Fall, da sich dadurch auch jene entschulden können, die ein geringeres Einkommen haben und die Mindestquote bisher nicht erbringen konnten.