Hannes Ziselsberger: „Krise zeigt Zerbrechlichkeit“. Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger über den Bedarf an Pflegepersonal und Menschlichkeit.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 16. September 2020 (05:27)
Symbolbild
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„Wir stehen an der Schwelle einer psychosozialen Revolution“, sagt Hannes Ziselsberger, Direktor der Caritas St. Pölten. Das sei vergleichbar mit der Agrar- oder der industriellen Revolution. Angesichts der Zahlen sei das nicht übertrieben: In den nächsten zehn Jahren brauche es rund 70.000 neue Pfleger, also rund 7.000 pro Jahr.

Denn schon jetzt, sagt Ziselsberger, sind in Niederösterreich rund 20 Prozent der Bevölkerung pflegebedürftig, es gibt rund 90.000 Pflegegeldbezieher, österreichweit sind es 460.000. Steigen die Zahlen, wovon auszugehen ist, müssen diese Menschen versorgt werden. Ein großer Schritt ist daher die neue Ausbildungsstätte für Pflege- und Sozialbetreuer in Gaming , die die Caritas in Kooperation mit dem Land NÖ betreibt. „Wer diese Schule beginnt, der wird als Absolvent eine Arbeitsplatzgarantie haben“, versichert Ziselsberger.

Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger.
Caritas, Thomas Haidinger

„Die Covid-Krise zeigt uns gerade, wie zerbrechlich das Altern macht“, sagt Ziselsberger. Und er sagt auch, dass es viel über eine Gesellschaft aussage, wie sie Menschen begleitet. „Bei Kindern akzeptiert man die ‚Kränkung‘ einer Krankheit, weil es ja besser wird. Bei alten Menschen wird es aber nicht besser.“ Diese große Belastung müsse aber niemand alleine stemmen: „Angehörige brauchen Stärkung, Unterstützung und Zuspruch“. Und die könne das Team der Caritas leisten. Im Bereich der Pflege könne die Caritas permanent zwischen 50 und 70 Stellen neu besetzen, unterstreicht der Caritas-Direktor.

Mitarbeiterinnen erleben den Beruf als Bereicherung

Der Unterschied zwischen Pflegefachassistent und Sozialbetreuer liegt übrigens darin, dass Letztere umfassend begleiten: Hier wird auch das soziale Umfeld miteinbezogen, Sozialbetreuer arbeiten stark an der Aktivierung ihrer Klienten, und sie begleiten auch Menschen mit Behinderungen. „Sozialbetreuer sind auch sehr praktisch geschult, sie helfen zum Beispiel auch beim Kochen.“

In Gaming kann dieser Beruf erstmals im Rahmen einer fünfjährigen Berufsbildenden Höheren Schule (BHS) mit Matura erlernt werden. „Mit der Matura ist die Ausbildung zum Pflegefachassistenten oder zum Sozialbetreuer abgeschlossen“, erklärt Ziselsberger. Die Praxis startet allerdings erst in der 3. Klasse. Die Schüler sollen sanft herangeführt werden, vor allem, um Burn-out zu verhindern.

Neben Klienten und Angehörigen kümmert sich die Caritas auch um die eigenen Mitarbeiter. Um zu erfahren, wie es ihnen geht, werden alle drei Jahre Mitarbeiterbefragungen durchgeführt. „Die Ergebnisse zeigen, dass unsere Mitarbeiterinnen den Beruf als Bereicherung erleben. Frust kommt eher bei der Dokumentation oder bei großer körperlicher Belastung auf.“

Wer Hilfe bei der Pflege braucht, kann sich bei jeder der 35 Sozialstationen der Caritas melden. Man solle den Mut haben, sich Hilfe zu holen, appelliert Ziselsberger. „Unser System hat zwar Chancen, auch schnell zu betreuen, aber wenn man merkt, dass Pflege nötig werden könnte, wäre es gut, sich etwa zwei bis vier Monate vorher zu melden.“