650 offene Stellen in der Pflege in Niederösterreich. Bund will Thema Pflegereform im Herbst in Angriff nehmen. Wie dringend das ist, zeigt sich in NÖ.

Von Lisa Röhrer und David Brandl. Erstellt am 18. August 2021 (05:10)
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Die Gesellschaft wird immer älter. Damit steigt auch die Zahl der Personen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind.
Shutterstock/Africa Studio

Gesprochen wird darüber seit Jahren, passiert ist bislang wenig. Im Herbst sollen laut Minister Wolfgang Mückstein (Grüne) nun aber erste Schritte der Pflegereform gesetzt werden. Wie dringend das ist, zeigen der NÖ-Altersalmanch und die Prognose des Ministeriums: Schon jetzt gibt es bundesweit 450.000 Pflegegeld-Bezieher. Alleine in Niederösterreich waren es 2018 über 91.000. Bis 2035 werden die Über-60-Jährigen 33 Prozent der NÖ-Bevölkerung ausmachen. 2018 waren es 26 Prozent. Österreichweit fehlen, Prognosen zufolge, bis 2030 bis zu 78.000 Fachkräfte.

In NÖ rechnet Gerontologe Franz Kolland mit einem etwas geringeren Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften als im Bundesschnitt. Hintergrund ist der, dass hier mehr Menschen zuhause gepflegt werden. Einen Personalmangel gibt es aber auch in NÖ schon jetzt: Aktuell gibt es laut AMS 650 offene Stellen – nicht erst, seitdem eine Impfpflicht für den Gesundheitbereich angekündigt wurde.

Gewissheit darüber, wie viele Pflegekräfte in Zukunft fehlen werden, wird das Land 2023 haben. Spätestens dann sollen die Ergebnisse der neuen Version des Altersalmanachs der Karl-Landsteiner-Uni vorliegen. Die Erhebungen dafür werden im kommenden Jahr durchgeführt. Laut Studienautor Kolland werde der auf wissenschaftlicher Grundlage zeigen, wie viel Personal es künftig brauchen wird, wie sich die Bevölkerung entwickelt und wie sich Corona in der Pflege auswirkt. Letzteres könnte etwa die Lebenserwartung verringern oder zu geringerer Nachfrage an Pflegeheim-Plätzen führen.

Teschl-Hofmeister für einheitliches Förder- und Stipendiensystem

Von den einzelnen Pflege-Anbietern kommen zahlreiche Forderungen zur Pflegereform. In NÖ wird, neben dem Personalmangel, die Finanzierung als drängendstes Problem gesehen. Neue Lösungen wird man laut Kolland auch für pflegende Angehörige und die 24-Stunden-Pflege brauchen.

Aus der Sicht von Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) hat nun „eine rasche Novellierung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes zu erfolgen. Darüber hinaus soll ein einheitliches Förder- und Stipendiensystem geschaffen werden, um die Aus- und Weiterbildung leichter zugänglich zu gestalten.“ Das Hilfswerk macht sich für eine Aufstockung der Ausbildungsplätze und kostenlose Beratung für pflegende Angehörige stark. Die Caritas drängt wie die Volkshilfe auf eine Personaloffensive und eine Reform des Pflegegeldsystems.

Uneinigkeit herrscht in NÖ über die Frage der Anstellung pflegender Angehöriger . Die SPÖ brachte vor dem Sommer einen Antrag über ein Pilotprojekt im Landtag ein, der jedoch abgelehnt wurde. Für Kolland ist die Anstellung ein vielversprechendes Modell, das aber noch viele Fragen aufwirft. Eine komplette Veränderung des Systems erwartet er sich von der Pflegereform übrigens nicht: „Das schafft kein Minister.“