Ist Wachstum mit der Rettung des Klimas vereinbar?

Seit Langem wird über die Grenzen des Wachstums diskutiert. Ist Klimaschutz UND Konjunktur möglich? Stimmt ab!

Erstellt am 07. Oktober 2021 | 07:53
Steuerreform Klima CO2-Bepreisung Symbolbild
Symbolbild
Foto: Shutterstock/wut62

PRO: Karl Aiginger, Wirtschaftsforscher, Mitglied der Europaplattform Wien - Brüssel

Karl Aiginger
Karl Aiginger
Eric Krügl

Wir erleben Überschwemmungen, Brände, das Ende des Skisportes im Alpenvorland. Wenn wir etwas dagegen tun, sagen Populisten, das kostet Wachstum. Das stimmt nicht einmal, wenn wir den Uraltbegriff des materiellen Wachstums unterstellen, und ist genauso falsch wie die Behauptung, dass ein gutes Immunsystem vor Covid schützt.

Wenn wir Wohlbefinden als Zunahme von Lebenszeit, gesunden Arbeitsplätzen, sauberer Luft definieren, so steigert Klimapolitik Wachstum und Chancen. Wir wollen nicht nur weniger Verkehrstote durch Temporeduktion, Corona-Opfer durch Impfen, sondern auch weniger Hitzetote. Eine Klimapolitik mit Hausverstand, Innovationen und gesundem Verhalten bringt das neue Wachstum, das heißt: Lebensqualität und Arbeitschancen für die Jugend.

PRO: Stephan Schwarzer, Leiter der Abteilung für Umwelt- und Energiepolitik in der Wirtschaftskammer Österreich

Stephan Schwarzer
Stephan Schwarzer
WKO

Ohne Wachstum geht es nicht. Europa steht nur noch für 8% der CO2-Emissionen und kann das Steuer nicht allein herumreißen. Wir müssen die Länder, die sich unserem Wohlstandsniveau annähern wollen, als Partner gewinnen. Nichts überzeugt mehr als wirtschaftlicher Erfolg. Wachstum durch Klimaschutz kann durch CO2-Recycling, Wasserstoff und klimaneutrale Mobilität gelingen.

Verzicht & Verbot sind keine globalisierungsfähige Blaupause. Europa braucht eine starke Industrie als Schrittmacher des weltweiten Klimaschutzes. Deutschland schlägt vor, dass sich Europa beim Kampf gegen die Klimaerwärmung mit USA, Kanada, UK, China und anderen verbündet und ein weltweiter CO2-Preis eingeführt wird.

PRO: Barbara Brenner, Leiterin des Departments für Wirtschafts- und Managementwissenschaften an der Donauuniversität Krems

Barbara Brenner
Barbara Brenner
Universität für Weiterbildung Krems, Andrea Reischer

Im Sinne von „Building back better“ ist die Klimakrise eine Chance zu reflektieren, wie wir zukünftige Wirtschaftssysteme nicht nur produktiv, sondern auch nachhaltig und inklusiv gestalten können. Durch eine konsequentere Umsetzung von ‚Kostenwahrheit‘ werden bisher von der Allgemeinheit getragene Kosten, wie z.B. Emissionen zunehmend internalisiert, also in den Preisen berücksichtigt.

Klimaschutz und Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sind daher kein Widerspruch. Es gilt allerdings gute Rahmenbedingungen für nachhaltige Innovationen zu gestalten, die eine Transformation der Wirtschaftssysteme ermöglichen.

KONTRA: Max Hollweg, Mitglied des Vereins Degrowth Vienna

Max Hollweg
Max Hollweg
Degrowth Vienna

Naturkatastrophen und Krisen stehen auf der Tagesordnung. Die ökonomische Ungleichheit steigt dramatisch - und trotz allem wird an einem Indikator festgehalten, der wenig über gesellschaftliches Wohlergehen aussagt: das Wirtschaftswachstum. Schlimmer noch, die steigenden Treibhausgasemissionen und Ressourcenausbeutung sind direkt an das Wirtschaftswachstum gekoppelt - das belegen Studien eindeutig.

Auch sogenanntes „grünes Wachstum“ schafft keine absolute Entkopplung, die uns vor dem Kollaps rettet. Eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Wirtschaft kann nur ohne Wachstumszwang funktionieren - auf Prinzipien der Solidarität, gerechter Verteilung und Mitbestimmung.

KONTRA: Friederike Zauner, Attac Regionalgruppe Wiener Neustadt

Friederike Zauner
Friederike Zauner
Manuel Zauner

Wir hören immer wieder, dass wir mit „grünem Wachstum“ aus der Klimakrise herauswachsen oder den Artenverlust stoppen können. Doch das stimmt nicht. Studien belegen, dass sich Wirtschaftswachstum und der wachsende Ausstoß von Treibhausgasen nicht trennen lassen. Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich.

Deshalb müssen wir unser Wirtschaftssystem ändern. Es soll Grundbedürfnisse wie Wohnen, Ernährung, Gesundheitsversorgung leistbar für alle Menschen bereitstellen, nicht wachsende Profite für Aktionäre ermöglichen. Wir dürfen diese Bereiche nicht der Profitlogik unterwerfen, sondern müssen das Gemeineigentum und die Mitbestimmung der Menschen stärken.

Pro & Kontra: Wachstum vs Klima

  • Ist Wachstum mit der Rettung des Klimas vereinbar?