Chef schlug Namensänderung vor

In Österreich aufgewachsen - und trotzdem ist Rassismus eine große Hürde im Berufsleben von Ilyas Toprak (Name geändert). Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit wollte er sich aus der Ohnmacht befreien.

Erstellt am 10. Januar 2022 | 14:03
Lesezeit: 4 Min
Ilyas Toprak (49) ist gebürtiger Türke und lebt seit 47 Jahren in Österreich.
Ilyas Toprak (49) ist gebürtiger Türke und lebt seit 47 Jahren in Österreich.
Foto: Yasemin Winter

Er spricht wie alle Österreicher und Österreicherinnen im Dialekt, am Telefon würde man nie vermuten, dass er ein Ausländer ist und trotzdem hat Ilyas Toprak immer noch mit Rassismus zu kämpfen. Sein Vater kam nach Österreich als die Industrie Arbeitskräfte suchte und deshalb mit der Türkei kooperierte. Der 49-Jährige kam mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern nach, absolvierte schließlich die HTL und lebt im Bezirk Melk. „Ich bin mit zwei Jahren nach Österreich gekommen und hier aufgewachsen, hätte aber nie gedacht, dass mich der Rassismus mein Leben lang begleiten würde.“

Neun Jahre lang war Toprak in einem österreichischen Unternehmen als Immobilienmakler angestellt, und musste Kunden überzeugen ihre Grundstücke über die Immobilienvermittlung zu verkaufen. In diesem Karriereabschnitt musste er viele rassistische Aussagen dulden. „Der Einstieg in das Berufsleben war wirklich hart, weil ich nicht als Mensch anerkannt wurde. Ich habe mich oft gefragt, warum ich mir das überhaupt antue und hatte das Gefühl, es ist alles umsonst.”

Eigentlich mochte Toprak seinen Job, denn er hatte Freude daran seinen Kunden zu ihrer Wunschimmobilie zu verhelfen. Dennoch gab es Schattenseiten. Gespräche mit Kunden führte er, ohne seinen Namen zu nennen. "Zuviele sind davon abgeschreckt”, weiß Toprak. Denn wenn er seinen Namen doch erwähnte, bekam er gar keinen Besichtigungstermin mehr, denn die Menschen sprachen ihm, ob seiner Herkunft die Verkaufskompetenz ab.

Es gab aber immer wieder Lichtblicke. Manchen war seine Nationalität völlig egal und er wurde so akzeptiert wie er ist. „Manche Kunden erzählten von ihren Urlauben in der Türkei und schwärmten förmlich davon. Solche Momente gaben mir wieder Hoffnung und zeigten mir, dass nicht alle Menschen meine Herkunft verurteilen, sondern mich so akzeptieren wie ich bin.“

Trotzdem überwogen die negativen Erfahrungen. Bei Besichtigungsterminen musste er oft rassistische Aussagen dulden wie „Nein, ein Türke darf nicht in mein Haus, um es zu bewerten.“. Am nächsten Tag wurde meist ohne Absprache mit Toprak eine Arbeitskollegin mit dem Verkauf der Immobilie beauftragt. Aufgrund seiner Herkunft fiel es Ilyas schwer seine Arbeitsziele zu erreichen und es ging so weit, dass ihm sein Chef vorschlug seinen Namen zu ändern, also seine Identität abzulegen. „Man wird emotional, ist so unglaublich wütend und verliert einfach den Spaß an der Arbeit, denn als Ausländer hat man immer einen wesentlichen Nachteil in der Arbeitswelt.“

Von der Diskriminierung in die Selbstständigkeit 

Schließlich gab Toprak den Job auf und machte sich als Gebrauchtwagenhändler selbstständig. Er erhoffte sich ein besseres Arbeitsleben. Zwar ist er mit seinem Gebrauchtwagenhandel erfolgreich und verkauft im Durchschnitt 200 neuwertige Autos pro Jahr, jedoch wird er trotzdem immer wieder mit Rassismus konfrontiert. Bei Inseraten erwähnt Toprak nach wie vor nicht seinen Namen, um keine möglichen Kundschaften damit zu vergraulen. Bei Telefonaten nennt er den Namen seiner Lebenspartnerin, weil es schon oft vorkam, dass Kunden einfach nicht zum vereinbarten Termin erschienen, nachdem er seinen eigenen Namen genannt hatte. Auch Fragen wie „Ist das Auto eh nicht gestohlen?“ oder „Stimmen die Kilometer wirklich?“ sind fast zur Gewohnheit für Topraks Autohandel geworden.

Absurd, aber inzwischen auch normal für Toprak ist, dass Kunden bei ihm ein Auto besichtigen und am nächsten Tag genau dieses Auto über einen österreichischen Händlerkollegen kaufen wollen und nicht direkt bei ihm. “Die Kollegen verlangen dann um bis zu 2.000 € mehr und die Interessenten sind bereit diesen Aufpreis zu zahlen, nur um nicht bei einem Türken kaufen zu müssen”, ist Toprak überzeugt. Aber in der Selbstständigkeit hat es Ilyas trotzdem viel leichter als vorher, da er nun selbst Grenzen ziehen kann. „Wenn ich Kunden habe, die meine Vertrauenswürdigkeit aufgrund meiner Nationalität in Frage stellen oder irgendwelche rassistischen Aussagen tätigen, kann ich den Besichtigungstermin einfach abbrechen und sie nach Hause schicken. Ich muss mir nicht mehr alles sagen und gefallen lassen.“ Er muss nur seine eigenen Erwartungen erfüllen und nicht die eines Vorgesetzten

„Immer wieder wird gesagt, die Ausländer wollen sich nicht integrieren’ und selbst wenn man sich integriert, anpasst und wie ein Österreicher benimmt, nicht einmal dann wird man akzeptiert. Man hat das Gefühl, man soll sich nicht integrieren, sondern assimilieren. Nach jahrelangem Ertragen dieser Erniedrigungen stumpft man zwar ab, jedoch gibt es auch Tage, an denen man seine Emotionen zurückhalten muss und nicht einfach auf Durchzug schalten kann.“

Dieser Beitrag wurde in einer Lehrveranstaltung im Zuge einer Kooperation mit dem Bachelor-Studiengang Medienmanagement an der FH-St. Pölten erstellt.