Topothek schafft die Million

Das einmillionste Objekt wurde kürzlich ins Online-Archiv topothek.at hochgeladen. Die Citizen-Science-Plattform sichert lokalhistorisch wertvolles Material vor dem Verschwinden: Mittlerweile sind eine Million historische Dokumente aus Privatbesitz in die Topotheken eingespeist. Betrieben werden die bundesweit 400 Topotheken von 2000 Ehrenamtlichen – Tendenz steigend.

NÖN Redaktion Erstellt am 23. September 2021 | 15:02

Der Boom der Familien- und Regionalforschung ist ungebrochen. Zu den bereits existierenden Plattformen wie Matricula und Monasterium, die Tauf- Trauungs- und Sterbedaten online einsichtig machen, gesellt sich seit 2010 eine eigene Plattform für Bildmaterial (Fotos, Dokumente, Videos, Audiodateien): die Topothek.
Diese feiert nun ein besonderes Jubiläum. Am 9. September wurde das einmillionste Dokument eingestellt – ein „Heimatschein“ von 1924 aus der Weinviertler Gemeinde Poysbrunn.

Von der Privatsammlung zum internationalen Online-Archiv

Die Erfolgsgeschichte der Topothek beginnt mit einer privaten Sammlerleidenschaft und Begeisterung für Regionalgeschichte. Topothek-Gründer Alexander Schatek erzählt: „Mein Ausgangspunkt war, dass ich zuerst mein eigenes gesammeltes Material – Fotos, alte Postkarten etc. in eine Ordnung bringen wollte.“ Der aus Wien stammende Grafikdesigner ließ sich daher von zwei IT-Spezialisten eine Datenbank programmieren, in der es möglich war, die eingescannten Fotos geographisch und zeitlich zu verorten sowie mit Schlagworten zu versehen.

Erste Orts-Topothek in Breitenstein am Semmering

Die Idee kam auch bei Freunden gut an. Die Vize-Bürgermeisterin der Gemeinde Breitenstein am Semmering griff die Idee auf und gründete 2010 in ihrer Gemeinde die erste Orts-Topothek. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte begann: Dank der Eingliederung in das Archivnetzwerk ICARUS wurde aus den österreichischen Regional-Datenbanken rasch eine internationale Plattform.
Eine Million Einträge aus 400 Ländern sind mittlerweile verfügbar.

Unkomplizierte Technik, freier Zugang

„Der niederschwellige Zugang und die einfache Bedienbarkeit der Datenbank war mir von Anfang an ein Anliegen“, erklärt Alexander Schatek den Erfolg der Plattform. „Es geht nicht darum, Geschichtswissenschaft in einem elitären Sinn zu betreiben, sondern jedermann den Zugang zu historischen Daten unkompliziert und kostenfrei zu ermöglichen.“ 

In NÖ seit 2016 ein Landesprojekt

Niederösterreich erkannte als erstes Bundesland die Wichtigkeit der Topothek und machte sie 2016 zum Landesprojekt. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leiter sagt zu den mittlerweile bereits 200 Topotheken in Niederösterreich: „Es ist uns ein großes Anliegen, Geschichte für die Menschen sichtbar und erlebbar zu machen. Die Topotheken sorgen dafür, dass die Fülle an Schätzen in unseren Dörfern und Städten für jedermann öffentlich zugünglich wird. So trägt das bisher unbeachtet in Schachteln und verschütteten Erinnerungen lagernde historische Wissen zur Vermittlung von Geschichte in modernster Art und Weise bei.“

Bilder sind anders als Informationen

Auch der österreichische Chef-Genealoge Felix Gundacker – bekannt durch seine ORF-Sendung „Meine Vorfahren“ – betont die Bedeutung, die die Plattform mittlerweile erreicht hat: „Die Topothek ist zu einer Quelle geworden, die man im Bereich der Familien- und Heimatforschung unbedingt zitierten sollte. Im Gegensatz zu Plattformen wie Matricula oder Monasterium, die reine Informationen bieten, ermöglicht die Topothek eine Nostalgie-Reise in die Vergangenheit.“ Manchmal seien es nur einzelne Aufnahmen, die für den Suchenden zu etwas ganz Besonderem werden könnten, sagt der Fachmann.

Gundacker selbst freut sich, in der Topothek seines Heimatortes Pöchlarn/NÖ eine alte Fliegeraufnahme aus dem Jahr 1952 gefunden zu haben: „Ich weiß jetzt, wie die Siedlung aussah, kurz bevor ich geboren wurde und in der ich meine Kindheit verbrachte. So etwas ist sehr berührend."

Sicherung von privatem kulturellem Erbe

Für Alexander Schatek ist ein weiterer Punkt wesentlich: die Sicherung des privaten kulturellen Erbes. „Öffentliche Archive haben keinen Sammelauftrag, was private Dokumente betrifft. Um dieses Material zumindest digital zu retten, wird die Topothek in lokalen Einheiten eingesetzt." Vieles, das durch die Topothek gesichert wird, würde ansonsten im Mistkübel landen, sagt der Topothek-Gründer und fügt hinzu: „Eine Entscheidung, was historisch interessant ist, bleibt subjektiv. Daher ist zu trachten, möglichst viele historische Belege zu sichern, digitalisieren, erschließen und zugänglich zu machen. Auch das Kinderfoto am Gartenzaun aus 1976, weil das Herz daran hängt und Erinnerungen lebendig werden lässt.“

Poysbrunn knackt die Million

Verloren gegangen wäre wohl auch der Poysbrunner Heimatschein, den Anton Jilli, der örtliche Topothekar als einmillionstes Objekt einscannte, beschriftete und öffentlich zugänglich machte. „Ich habe eine ganze Kiste von Dokumenten, alten Bildern, etc. aus einer Verlassenschaft hier im Ort übernommen“, erzählt der pensionierte Finanzbeamte aus dem Weinviertel. Darunter fand sich der „Heimatschein“ von 1924. „Heimatscheine wurden bis 1939 ausgestellt und dienten als Beweis des Heimatrechtes. Erst danach wurde der uns heute bekannte Staatsbürgerschaftsnachweis eingeführt“, erzählt der Hobby-Historiker Anton Jilli.
Jede Woche stellt der 80-jährige Topothekar von Poysbrunn neue, spannende Fotos und Dokumente wie den Heimatschein in die Datenbank und kann dabei quasi zeitgleich beobachten, wie diese auch tatsächlich adhoc im Netz abgerufen werden. „Unser Spitzenwert liegt bei 4000 Klicks pro Tag – und das in einer Gemeinde mit 200 Hausnummern.“ 

Anfragen aus Japan, Mexiko, China, ...

Mittlerweile würden die Suchanfragen sogar aus Übersee kommen. „Kanada, Australien, Japan, China, Mexiko“, zählt Jilli die Länder auf, von denen aus auf die Topothek Poysbrunn zugegriffen wird. „Einmal hat mich sogar eine Frau aus Mexiko angerufen, um mir mitzuteilen, dass sie ihre Schwester auf einem Foto erkannt habe.“

Jilli übernahm die Information und fügte sie dem Bild hinzu. „Die Topothek führt dazu, dass sich die Leute im Ort auch viel mehr untereinander austauschen“, sagt Jilli.

Datenbank mit sozialem Mehrwert

„Die Topothek ist viel mehr als eine Datenbank“, weiß auch Christine Filipp, Geschäftsführerin der LEADER-Region Weinviertel Ost, in der in einem gemeindeübergreifenden Projekt die Topothek in 35 Gemeinden eingesetzt wird. „Es hat sich gezeigt, dass das gemeinsame Sammeln die Kommunikation in den Gemeinden anregt und damit die Geschichte unserer Gemeinden erhalten wird – und darüber hinaus auch das gesamte Regionsbewusstsein gefördert wird.“ Gerade in der Corona-Zeit seien viele Menschen auf bisher unbeachtete Schätze in ihren Kellern oder auf Dachböden gestoßen.

Das einmillionste Objekt zum Ansehen: https://poysbrunn.topothek.at/?doc=1000000

Was ist die Topothek?

  • eine Datenbank
  • zumeist genutzt als Plattform von Citizen Scientists für historische Inhalte
  • Oberfläche in beliebigen Sprachen verfügbar
  • seit 2016 in Partnerschaft mit dem NÖLA (Niederösterreichisches Landesarchiv) als Landesprojekt
  • Betreiber des Gesamtsystems: ICARUS, Internationales Zentrum für Archivforschung, Wien. Ebenso wie Monasterium.net und Matricuala.net
  • Stand 2021-09: > 400 Topotheken, 200 in NÖ, Verwaltung von > 1.000.000 Primärdaten, über 2.000 Topothekarinnen und Topothekare.
  • https://www.topothek.at/de/