Von den Sünden auf der Alm. Acht mal so viele Wanderer wie vor 40 Jahren führen zunehmend auch zu kritischen Situationen auf Almen. Die NÖN sah sich die Problematik vor Ort an.

Von Victoria Schmidt. Erstellt am 29. Juli 2020 (00:01)

Idyllisch liegt sie da, die Zeisel-Hinteralm in Kleinzell (Bezirk Lilienfeld). Auf 1.010 Metern Seehöhe weidet das Vieh von insgesamt 27 Landwirten – und es herrscht reges Treiben. Egal ob als Familie, mit Kinderwagen, als Paar zu zweit, mit der besten Freundin oder mit dem Hund, die Menschen zieht es auf die Alm.

„Der Ansturm ist heuer durch Corona enorm. Aber auch allgemein ist es mehr geworden. Von 1979 bis 2019 hat sich die Anzahl der Wanderer verachtfacht“, erklärt Josef Mayerhofer, Obmann der Almwirtschaft Niederösterreich. „Das freut uns ja“, hält dazu Martin Karrer, Obmann der Zeisel-Hinteralm fest.

Hunde ohne Leine, Radler trotz Fahrverbots

Die insgesamt 78 Almbetreiber im Land sind jedoch von der allgemeinen Problematik auf Almen nicht ausgenommen. Das zeigte sich auch beim Lokalaugenschein in Kleinzell. Die Schutzhütte ist stark frequentiert, beinahe jeder zweite Wanderer ist mit Hund unterwegs - nicht immer an der Leine -, und auch Radfahrer verkehren hier trotz eigentlichem Fahrverbot.

Solange es gesittet zugehe, sei das alles kein Problem, meinen die beiden Almobmänner. Unerfreulich sei aber, dass eine zunehmende Unvernunft der Wanderer bemerkt werde, schildert Mayerhofer, als er in der saftigen Futterwiese ein schwarzes Plastiksackerl entdeckt und seufzt: „Das ist leider ein typisches Beispiel. Hundekot wird immer wieder im Sackerl so zurückgelassen anstatt ordnungsgemäß entsorgt“.

Informationsoffensive gegen Fehlverhalten

Das fehlende Bewusstsein für richtiges Verhalten auf der Alm habe zuletzt wieder vermehrt zu kritischen Situationen zwischen Weidevieh und Wanderern geführt. Deshalb lud Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) in der Vorwoche zum Almengipfel. Sie sprach mit Vertretern der Almwirtschaft, des Tourismus und der Alpinvereine über die Problematik und mögliche Lösungsansätze. Nun soll es eine groß angelegte Informationsoffensive geben (nön.at berichtete).

Die brauche es auch, sind sich Mayerhofer und Karrer einig, denn: „Wir sind strikte Gegner des Absperrens von Almen. Wir wollen, dass die Leute kommen und sehen, wie die Tiere in gesunder Umgebung leben, und dass die Menschen die Natur, die Artenvielfalt hier erleben.“ Es brauche ein gutes Miteinander.

Deshalb sollten sich Besucher einer Alm an die Verhaltensregeln (zu finden unter www.sichere-almen.at) halten. „Kühe sind nicht von Natur aus aggressiv, aber es sind Herdentiere mit Instinkten“, erklärt Karrer. Daher können Hunde durch ihre Abstammung vom Wolf als potenzielle Gefahr gesehen werden. Hunde sollten deshalb immer an einer nicht allzulangen Leine geführt, in brenzligen Situationen aber von der Leine gelassen werden.

Zudem sollten Herden nicht durchquert und Wanderwege daher nur dann verlassen werden, wenn Tiere den Weg versperren. Deshalb wurde beim Almengipfel auch angeregt, Wanderwege, die eine Gefahrenquelle darstellen, verlegen zu dürfen.

Eine solche Stelle ist in Kleinzell ein Überstieg, der direkt an einem Wassergrand vorbeiführt. Versammelt sich die bis zu 80 Tiere große Kuhschar, müssen Wanderer durch die Herde. Daher wird demnächst geprüft, ob der betreffende Weg verlegt werden kann. Damit hätte der Almengipfel eine erste Wirkung.