Erstellt am 28. Dezember 2016, 01:27

von Michaela Fleck-Regenfelder

Stefan Ruzowitzky & Violetta Schurawlow im Gespräch. Stefan Ruzowitzky (Regie) & Violetta Schurawlow (Özge) über Gewalt, Stars, Wohnsitze & Happy Ends.

Was als Nächstes kommt? „Das würde ich auch gerne wissen!“: Stefan Ruzowitzky, Oscar-Regisseur und Klosterneuburger. | „Es gibt so viele Sachen, die ich gerne spielen würde!“: Violetta Schurawlow, Hauptdarstellerin und Wahl-Klosterneuburgerin.  |  Allegro Film / Domenigg

NÖN: Am 13. Jänner startet Ihr jüngster Spielfilm, Herr Ruzowitzky, und Ihre erste Kino-Hauptrolle, Frau Schurawlow, in Niederösterreich. Ist das ein Actionfilm? Ein Beziehungsfilm? Ein Frauenfilm? Ein Migrant(inn)enfilm?

Stefan Ruzowitzky: Es ist ein Actionfilm. Und dass Frauen sich darüber freuen, einer so coolen weiblichen Heldin zusehen zu können, das find ich super. Das war Absicht [lacht]! Aber deswegen ist es kein Frauenfilm.

Der Titel, „Die Hölle“, klingt nicht gerade nach Unterhaltungskino. Wie viel Realität verträgt denn ein Spielfilm?

Ruzowitzky: Ich glaube, es sind zwei Sachen. Action- und Thriller-Fans legen schon Wert darauf, dass das Ganze schlüssig ist. Dass die Violetta aus dem überschlagenen Auto rauskriecht und noch weiterkämpft – das ist erlaubt. Komische Zufälle dürfte man nicht machen. Da beneide ich oft die Kollegen vom Arthouse-Kino…

Das andere ist, dass wir schon versucht haben, ein realistisches Milieu zu zeichnen. Nicht so wie’s bei vielen amerikanischen Actionfilmen ist, dass das irgendwo spielen könnte. Wir sagen, das ist hier bei uns, das ist Ottakring, und das Auto explodiert neben dem Burgtheater.

Macht das das Spielen einfacher? Oder schwieriger?

Violetta Schurawlow: Wenn du wirklich mit dem Taxi in den Gegenverkehr fährst, selbst wenn der Top-Driver auf dem Dach sitzt, und man rausgedrückt wird, dann schreist du und du spürst es wirklich. Oder von der Brücke zu springen. Das fand ich ja super, und ich hätt’s auch gern noch zehn Mal gemacht! Man fühlt sich dann ganz, ganz anders, wenn es live passiert, als wenn’s vor dem Greenscreen gedreht wird.

Ruzowitzky: Und das merkt man schon, behaupte ich.

Nicht nur die Bilder aus der „Hölle“ sind heftig. Auch die Geschichte ist nicht einfach. Und Ihre Hauptfigur, die Özge, schon gar nicht.

Schurawlow: Özge zerredet nichts und wenn’s sein muss, schlägt sie zu.

Ruzowitzky: Diese Gewalt wird bei ihr auch dauernd diskutiert. Sie löst ja keine Probleme mit der Gewalt, sie macht sich welche. Der mi g rantische Hintergrund ist da. Aber wir haben daran gearbeitet, dass das nicht als Problemstudio daherkommt.

Wie kriegt man da auch noch die Komik mit hinein? Und ein Hauch von Happy End?

Ruzowitzky: Der Film ist natürlich ordentlich düster. Aber er ist nicht hoffnungslos. Ich erzähl’ immer Filme, und da gibt’s fürchterlich schreckliche Dinge und fürchterlich böse Leute. Aber ich glaub’ trotzdem, dass ich ein Optimist bin. Auch meine Filmfiguren kriegen eine Chance. Auch die Violetta hat ihr Happy End …

Der Cast ist einer der hochkarätigsten, den das heimische Kino derzeit zu bieten hat. Tobias Moretti, Robert Palfrader, Friedrich von Thun – da fehlt nur mehr Karl Markovics. Und doch spielen die neben Violetta Schurawlow „nur“ Nebenrollen. War das eine bewusste Entscheidung?

Ruzowitzky: Die Wirklichkeit war ein bisschen prosaischer. Sender und Verleiher und vielleicht auch das Publikum hätten wahrscheinlich gesagt: Schurawlow? Kennen wir nicht! So ist es halt. Sender und Verleiher wollten große Namen rundherum. Und das ist fair genug! Es ist großartig, dass man so einen Film mit einem neuen Gesicht machen kann!

Wie war das beim Drehen?

Schurawlow: Ich musste jetzt nicht gegen Moretti, Palfrader oder Friedrich von Thun ankämpfen. Ganz im Gegenteil. Ich konnte auch während des Drehs sehr viel von ihnen lernen. Es war ein gemeinsames Zusammenspiel. Und dadurch konnte ich mich auch fallen lassen.

Ruzowitzky: Das ist vielleicht sogar von der Dynamik einfacher. Die Verhältnisse waren relativ klar. Der Tobias ist ein sehr großer Name, und Violetta ist das New Kid on the Block. Den Palfrader muss man bremsen, wenn der losgelassen, dann kann das auch zu weit gehen.

Eine Hauptrolle spielt jedenfalls auch Wien.

Ruzowitzky: Es ist auch ein Wien-Film. Aber nicht, weil in jedem Shot ein Lippizaner vorbeitrabt. Wir haben statt dessen sehr viel ‚magic hour‘ gedreht und dauernd ‚wet downs’ gemacht, dann glänzt alles und spiegelt und schaut toll aus. Das kennt man gemeinhin nur aus amerikanischen Filmen. Die machen genau dieselben Schmähs. Warum sollten wir das nicht auch machen?

Gedreht wurde zwar diesmal nicht in Klosterneuburg. Aber Sie wohnen beide dort. Wie kam das?

Ruzowitzky: Bei mir wohnt sie nicht [lacht]!

Schurawlow: Nein, nein, das kam ja erst, nachdem ich im Februar hier angekommen bin und erst im dritten Bezirk in Wien gelebt habe. Ich hab ja auch Katzen. Ich brauchte also eine Wohnung mit Garten, wollte in Wien bleiben – und so ergab sich Klosterneuburg.

Und wie kam der Regisseur zu seiner Hauptdarstellerin?

Ruzowitzky: Das war ein ganz normales Casting. Uns war von Anfang klar, es gibt unter den jungen, namhaften Schauspielerinnen niemanden, der passt für die Rolle. Dann haben wir angefangen zu casten. Nach der ersten Runde hab ich den Helmut Grasser, den Produzenten, angerufen und gesagt, ich glaube, wir haben sie!

Schurawlow: Und zwei Tage später kam die Zusage – was ich nicht glauben konnte. Ich wusste ja auch, dass Stefan einen Oscar gewonnen hat, und deswegen war ich so nervös am Anfang. Dann hab’ ich fast ein Jahr gewartet, bis wir dann miteinander telefoniert haben. Das weiß ich noch, das war im November, da hab’ ich mich wirklich gefreut wie ein Kind auf Weihnachten!

NÖ-Premiere: 13. Jänner , 20 Uhr, Cineplexx Wiener Neustadt, www.cineplexx.at