Von NÖ in die Katastrophe: Ein Zeitzeuge erzählt. Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Ein Niederösterreicher erinnert sich.

Von David Brandl. Erstellt am 03. September 2019 (00:44)
David Brandl/privat
Rudolf Salzmann erzählt vom Kriegsausbruch 1939.

„Wir waren einverstanden, wir mussten einverstanden sein“, erinnert sich Rudolf Salzmann (96) an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor genau 80 Jahren. Der Grafenwörther war 16 Jahre alt, als am 1. September 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen sechs Jahre Krieg und Zerstörung ihren Anfang nahmen. Eineinhalb Jahre später rückte er auch selbst ein.

Große Begeisterung habe im September 1939 im annektierten Österreich nicht geherrscht, aber man habe nicht Nein sagen können, beschreibt Salzmann im NÖN-Gespräch die Stimmung in der Bevölkerung zu Beginn des Krieges. Von überschwänglicher Euphorie wie beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges könne nicht die Rede sein. Dennoch sei man mitmarschiert und habe auf einen baldigen Frieden gehofft. „Wir haben das mehr oder minder hingenommen“, erzählt der Zeitzeuge nachdenklich. Gestapo-Berichte beschreiben die „Volksstimmung“ als „gedrückt“ oder „gespannt“. Zeithistoriker bezeichnen dieses Phänomen als „Widerwillige Loyalität“.

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Die Wehrmacht rollte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bei einer Parade durch Wiener Neustadt.

Für Salzmann schien der Dienst für das Dritte Reich selbstverständlich. In den Schulen wurde man nationalsozialistisch erzogen und war vom totalitären Regime umgeben. Stets betont er die bedrückende Arbeitslosigkeit der 1930er, die durch die NS-Beschäftigungspolitik stark zurückgegangen sei. Dass diese vor allem auf dem massiven Ausbau der Rüstungsindustrie beruhte, spielte damals keine Rolle.

Die Kriegsvorbereitungen waren im Reichsgau Niederdonau schon kurz nach dem sogenannten „Anschluss“ sichtbar. So übernahm das Deutsche Reich bereits im Mai 1938 die Flugzeugproduktion in Wiener Neustadt und baute diese massiv aus. In Markersdorf an der Pielach errichtete die Wehrmacht einen Fliegerhorst. Und aus Teilen von Hitlers „Ahnengau“ wurde im Waldviertel der Truppenübungsplatz Döllersheim (heute Allentsteig).

Das Leben an der Heimatfront

Mit insgesamt rund 1,3 Millionen Österreichern rückten dann auch viele Niederösterreicher in die Wehrmacht ein. Beim Überfall auf Polen waren zahlreiche etwa in der 44. Infanteriedivision von Anbeginn dabei. Während im September der Krieg im fernen Polen tobte, ging das Leben fernab der Front noch seinen gewohnten Gang.

Rudolf Salzmann
In Italien verbrachte Salzmann einige Kriegsjahre.

Zwar wurden ab Kriegsbeginn Lebensmittel rationiert und nur noch gegen Karten ausgegeben, dennoch sei die Versorgung bis 1943/44 gut gewesen, erzählt Salzmann. Darüber hinaus sammelten die Menschen in der Heimat für das Kriegs-Winterhilfswerk.

Sichtbar wurde der Krieg dennoch auch bald in Niederösterreich. Beispielsweise dadurch, dass Soldaten wichtige Infrastruktureinrichtungen schützten – wie in Traismauer, wo 30 Soldaten zur Bewachung der Eisenbahnbrücke über die Traisen in der örtlichen Turnhalle einquartiert waren. Mit dem raschen Sieg in Polen kamen auch die ersten Kriegsgefangenen. Eines der ersten Lager errichtete die Wehrmacht im Herbst 1939 in
Gneixendorf bei Krems, das Gefangenenlager „Stalag 17b“.

Die Hoffnungen auf einen kurzen Krieg wurden nicht erfüllt. Dennoch marschierte man für Nazi-Deutschland weiter. Rudolf Salzmann rückte im März 1941 zum Reichsarbeitsdienst und danach zum Luftnachrichtenregiment ein. Für ihn endete der Krieg Anfang Mai 1945, nachdem er sogar nach Tunesien abkommandiert wurde. „Wir sind froh, dass wir leben können“, schließt der 96-Jährige.