Christiane M. Pabst: Die Chefin unserer Wörter. Das Österreichische Wörterbuch wird 70. Chefredakteurin ist eine St. Pöltnerin.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 13. Januar 2021 (03:18)
Seit 70 Jahren setzt das Österreichische Wörterbuch die sprachlichen Standards: Die St. Pöltnerin Christiane M. Pabst führt das Nachschlagwerk in das Jubiläumsjahr.
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Wer wissen will, was man in Österreich wie schreibt, muss im Österreichischen Wörterbuch (ÖWB) nachschlagen. Was darin steht, ist das offizielle Regelwerk für das österreichische Deutsch – und in Schulen und Ämtern gesetzlich bindend. Und das seit 70 Jahren. Chefredakteurin des traditionsreichen Nachschlagewerks ist die St. Pöltnerin Christiane M. Pabst. Die promovierte Germanistin (und ehemalige NÖN-Redakteurin) entscheidet seit 2015 nach Abstimmung mit ihrer Mitarbeiterin Magdalena Eybl sowie zehn Konsulentinnen und Konsulenten, was ins Wörterbuch kommt und was nicht. 94.000 Stichwörter sind es derzeit, weiters Angaben zur Grammatik, Aussprache, Etymologie und Verwendung.

Hauptaufgabe der Chefredakteurin ist das Aufspüren von neuen Wörtern und Wortbedeutungen sowie grammatischen Besonderheiten. Ein Beispiel dafür ist eine Anfrage, die sie derzeit bearbeitet: Was bedeutet „firmenübergreifend“? Pabst: „Die ursprüngliche Bedeutung ist ,über die Firma hinaus‘. Die Wortbedeutung hat sich mittlerweile aber zu ‚alle Bereiche einer Firma betreffend‘ verändert.“ Solche Bedeutungsverschiebungen sind nicht ungewöhnlich: „Das macht den Job besonders reizvoll – im Sprachwandel zu stecken und den zu dokumentieren.“

"Die Sprache verarmt nie, sie verändert sich"

Eine Verarmung der Sprache in Zeiten von Social Media sieht Pabst nicht: „Die Klagen, dass die Sprache verarmt oder durch zu viele Fremdwörter verkommt, gab es zu jeder Zeit. Tatsächlich verarmt Sprache nie, sie verändert sich.“ Social Media verändere sie aber nachhaltig: Denn die gesprochene Sprache werde geschrieben dargestellt. Auch oft verwendete Anglizismen und Schimpfwörter finden Eingang in das ÖWB.

Denn, so Pabst: „Ein Wörterbuch kann und soll niemals sprachvorschreibend sein.“ Aber bewusstseinsbildend. So beschäftigt sich die Redaktion neben der Aufnahme von rund 4.000 neuen Wortschatzeinheiten für die 44. Auflage besonders damit, welche Einträge als sexistisch, nicht gendergerecht und diskriminierend markiert werden.

Und wie kommt ein neues Wort ins Wörterbuch? Zuerst landet es auf der „Beobachtungsliste“. Im Austrian Academy Corpus wird es dann nach Bedeutung, Häufigkeit und grammatikalischer Besonderheit geprüft. Basierend darauf entscheidet Pabst, ob es aufgenommen wird oder nicht. Die größte Herausforderung dabei ist, dass der Umfang des Wörterbuches nicht ausufert.

ÖWB-Zukunft sowohl im Analogen als auch im Digitalen

Die 44. Auflage wird deshalb eine besondere: „Durch Corona hat sich bei Wortschatzeinheiten und Bedeutungserweiterungen mehr getan als in den Jahren zuvor.“ Beispiele sind der Bedeutungswandel von „Maske“ ebenso wie die Begriffe Lockdown, freitesten, Mund-Nasen-Schutz und Komposita mit „Corona“. Getilgt werden unter anderem die Wörter „Anzeigerin“ und „Abgelegenheit“, auch Abkürzungen wie „Adj.“ für Adjektiv. In der Datenbank bleiben getilgte Wörter übrigens erhalten.

Die ÖWB-Zukunft sieht Pabst sowohl im Analogen als auch im Digitalen: „Niemand kann kritisch und richtig in einem Online-Wörterbuch nachschlagen, ohne gelernt zu haben, was man in einem Wörterbuch findet.“ Denn ein Wörterbuch biete viel mehr Information als nur die richtige Orthografie.