176 weiße Ratten in 44 Szenen. Essl Museum | Geschichte, Literatur und zeitgenössische Kunst verbinden sich in Deborah Sengls szenischer Installation.

Erstellt am 04. Februar 2014 (08:00)
Präparierte Ratten verwendet Deborah Sengl in ihrer Karl-Kraus-Installation im Essl Museum. Fotos: Mischa Nawrata; Deborah Sengl, Julia Wesely
NOEN, Mischa Nawrata; Deborah Sengl

Von Ewald Baringer

Ratten verlassen bekanntlich sinkende Schiffe - jetzt aber erobern sie das Essl Museum: In Klosterneuburgs Tempel für zeitgenössische Kunst hat Deborah Sengl eine Aufsehen erregende Installation gestaltet.

Literat Kraus als Inspiration und bebrillte Ratte

Inspiriert wurde die Künstlerin durch die Theaterfassung der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. In 44 Szenen hat sie 176 weiße Ratten platziert. Die sehen auf den ersten Blick aus wie putzige Stofftiere und irritieren dennoch, spätestens wo das reine Weiß vom Blut des Krieges abgelöst wird.

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NOEN, Mischa Nawrata; Deborah Sengl
Ein schwarzfelliges bebrilltes Tier findet sich auch: Karl Kraus himself. Akribisch genau im Detail wurden die Requisiten gestaltet, Fahnen, Zeitungen, Waffen und Kopfbedeckungen. Die Arrangements sind von Zeichnungen und Malerei flankiert.

Kein Tier wurde eigens für die Ausstellung getötet, wird betont, die Ratten dienten als Futter für die Greifvogel- und Reptilienzucht – so wie ja auch zahllose Menschen vor hundert Jahren als Kanonenfutter im Ersten Weltkrieg endeten. Ein Tierpräparator hat die Felle anhand genauer Vorgaben vorbereitet.

Ähnlichkeit zum Menschen: „Sind die egoistischsten Tiere“

Warum Ratten? Sie sind den Menschen ähnlich, meint Sengl, „von den Tieren sicher die egoistischsten Wesen“. Tiere als Metapher und Stellvertreter für Charakterzüge, Handlungsformen und Verhalten finden sich leitmotivisch im bisherigen Schaffen der Künstlerin: „Weil ich finde, dass man mit der Physiognomie ablenkt, wenn man Menschen darstellt.“

Ein „spannendes, fundamentales, erschütterndes Thema“ habe Sengl aufgegriffen, zeigte sich Bundespräsident Heinz Fischer anlässlich der Eröffnung beeindruckt. Wer sich darauf einlässt, wird sich vielen Gedanken stellen müssen, die über den Anlass selbst – den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren – weiterführen mitten in Fragen der Gegenwart.