3.096 Tage in 111 Minuten.  Natascha Kampusch /  Die Causa Kampusch scheint unendlich. Vergangene Woche wurde der Film
präsentiert. Für die Polizei
ist der Fall
zwar offiziell abgeschlossen, evaluiert wird aber noch immer.

Erstellt am 03. März 2013 (16:46)
NOEN
Von Gila Wohlmann

Kampusch und kein Ende? Abseits des soeben angelaufenen Spielfilmes gilt der Fall kriminalpolizeilich als abgeschlossen. Karl-Heinz Grundböck, Sprecher im Innenministerium: „Derzeit gibt es keine neuen Ermittlungsansätze. Seit Sommer 2012 läuft aber die Evaluierung des 270.000 Seiten umfassenden Aktes.“

Zwei Gremien sind damit beauftragt. Im „Steering-Commitée“ sind Vertreter des Innenministeriums, des Justizministeriums, der Präsident des BKA Wiesbaden Jörg Ziercke sowie FBI-Mitglieder. Dieser Runde untergeordnet gibt es noch mehrere Arbeitskreise, die sich mit verschiedenen Fragestellungen der Causa beschäftigen. Alle Ergebnisse dieser Arbeitskreise werden dann wieder dem „Steering-Commitée“ übermittelt. Gearbeitet wird parallel in Österreich, den USA und in Deutschland. Alle Ergebnisse werden zusammengeführt und in Workshops in Wien besprochen. „Der Sinn der Evaluierung ist zu sehen: Wie haben die Behörden gehandelt? Daraus soll methodisch gelernt und auch festgestellt werden, was man in Zukunft besser machen kann“, so Grundböck. „Sollte sich aber im Zuge der Evaluierung etwas ergeben, was kriminalpolizeilich nicht beleuchtet worden ist, dann erteilt die Staatsanwaltschaft einen Ermittlungsauftrag an die Kriminalpolizei. Bisher war das aber nicht der Fall.“

Werden sich die Beamten eigentlich den Film anschauen? Grundböck: „Das Projektteam schaut sich alles an. Wir verfolgen alle Medienberichte, alle Publikationen und daher sehen wir uns auch den Film an. Es gibt in der Evaluierung nichts, was unbeleuchtet bleibt.“

Ludwig Deltl, Bürgermeister von Strasshof, wo Natascha Kampusch gefangen gehalten wurde, hat weniger Interesse: „Ob ich mir den Film ansehen werde, weiß ich noch nicht.“
 


Filmkritik und Stimmen

Mit einer ordentlichen Ohrfeige und in einem Kleid, in dem sich das kleine Mädchen zu dick fühlt, schickt es ihre Mutter in die Schule, in der es nie ankommt. Der weiße Lieferwagen und ein Mann, der sie acht Jahre lang in einem dunklen Kellerverlies gefangen halten wird, kommen Natascha Kampusch in die Quere.
Am 25. Februar feierte der Film Premiere, der Kampusch in ihren 3.096 Tagen der Gefangenschaft zeigt. Die irische Schauspielerin Antonia Campbell-Hughes verkörpert eine abgemagerte, misshandelte, junge Frau, nackt bis auf die viel zu großen Männerunterhosen, die ihr Schicksal mit störrischem Blick annimmt.
Eine Geschichte, die die Welt längst kennt, die schon lange nicht mehr schockiert und zu blöden Witzen hinreißt, wird neu erzählt.
 
Der Film, basierend auf dem unvollendeten Drehbuch von Star-Produzent Bernd Eichinger, der vor der Fertigstellung überraschend verstarb, lässt einen schockiert und mit dickem Kloß im Hals im Kinosessel sitzen.
Das kleine Mädchen, das seinen Peiniger um einen Gute-Nacht-Kuss bittet, verzweifelt wissen will, wann es zu seiner Mama zurück darf und schreiend und wimmernd um Essen bettelt. Es wird nicht viel gesprochen, nicht viel geschnitten und schlicht erzählt.
 
„Der Film verdeutlicht, was dieses Mädchen jahrelang durchgemacht hat, und warum jeder Cent, den sie mit ihrer Geschichte erarbeitet, absolut verdient ist“, resümiert ein Premierengast. Ein anderer sagt: „Es war sehr beklemmend zu sehen, wie dieses kleine Kind ängstlich und alleine, aus seinem Alltag
gerissen, in dieses Kellerloch geworfen wird. Beeindruckend, wie sie das so lange durchgehalten hat!“