Wo die ersten Menschen wohnten. Schon 18.500 Jahre vor den Schöpfern der „Venus“ lebten und arbeiteten moderne Menschen in der Wachau.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 29. September 2014 (00:04)
NOEN, Philip Nigst und Paul Haesaerts/The Willendorf Project/APA

Zum kulturellen Welterbe gehört die Wachau seit genau 14 Jahren. Zur modernen Menschheitsgeschichte gehört sie schon viel länger. Genauer: seit 43.500 Jahren.

Neue Erkenntnis: Auch Lebensgebiet des Homo sapiens

So alt sind die jüngsten Funde, die Archäologen an der Donau ausgegraben haben. Und so alt sind damit auch die jüngsten Spuren, die man vom Menschen, genauer: vom modernen Menschen bisher in Europa gefunden hat.

Denn: Dass der Neandertaler (auch) zwischen Krems und Melk gelebt hat, weiß man schon lange. Dass aber auch der Homo sapiens, also der erste „moderne“ Mensch zur selben Zeit, also der jüngeren Altsteinzeit hier gelebt und gearbeitet hat, weiß man erst seit vergangener Woche.

Da veröffentlichte ein internationales Forschungsteam die Ergebnisse seines drei Jahre alten Wachauer Forschungsprojekts. Wobei: Ausgegraben haben Philip Nigst von der Universität Cambridge und Bence Viola von der Universität Wien weder Knochen noch Kunstgegenstände. Sondern: Werkzeuge. Genauer: ein paar Zentimeter lange und einen Zentimeter breite Steinartefakte, sogenannte „Lamellen“.

„Wenn ich das in eine Vitrine lege, schaut das keiner an.“
Landesarchäologe Ernst Lauermann über den wenig spektakulären Fund mit den spektakulären Erkenntnissen

„Diese Lamellen kennt man schon länger“, ordnet Ernst Lauermann, Landesarchäologe in NÖ und MAMUZ-Museumsdirektor in Asparn, den Fund ein. Das Sensationelle daran sei jedoch die Datierung.

Und die ist, so der in der Vorwoche veröffentlichte Artikel im renommierten englischen Fachmagazin PNAS, um fast 4.000 Jahre älter, als der Homo sapiens bisher in Niederösterreich oder überhaupt in Europa vermutet wurde.

„Das ist auch schlüssig“, meint Lauermann. Auch, dass sich der Neandertaler, der in dieser Zeit noch lebte, und der Homo sapiens getroffen haben. „Gerade entlang der Donau ist das anzunehmen“, so der Archäologe. Wissenschaftlichen Beweis gebe es dafür allerdings keinen. Dafür gebe es eine Fundstelle, die nach wie vor ein „Mekka der Paläolith-Forschung“ sei: Willendorf.

Lamellen kamen ins Naturhistorische Museum

Dort, in den Lößterrassen am linken Donauufer, gegenüber der Ruine Aggstein, lief von 2006 bis 2011 „The Willendorf Project“, im Zuge dessen Nigst und Viola ihre „Lamellen“ gefunden haben. Und zwar genau dort, wo anno 1908 im Zuge eines Bahnprojekts eine der berühmtesten alten Damen der Kulturgeschichte ans Tageslicht kam: die Venus von Willendorf.

In der Wachau sind die „Lamellen“ allerdings schon lange nicht mehr. Sondern, wie auch die 18.500 Jahre jüngere Venus und die 11.500 Jahre jüngere Fanny (vom Wachauer Galgenberg), im Naturhistorischen Museum in Wien – und zwar im Tiefenspeicher.

„Wir können ja nicht alles machen“, meint der Landesarchäologe dazu. Schließlich sei die Grabung auch keine niederösterreichische gewesen. Im Gegensatz zu der am Kremser Wachtberg, wo 2005 ein Zwillingsskelett entdeckt wurde. „Da gehören alle Funde dem Land, und die sind auch bei uns im MAMUZ zu sehen!“
 

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